Stephan Griebel

Einsichten, Aussichten und anderes

Archive for September 2009

Vom Einstellungsgespräch zum veränderten Mathematikunterricht

Posted by sjgriebel - 29. September 2009

Um sich in einem Einstellungsgespräch einen zuverlässigen Eindruck von einem Bewerber zu verschaffen, bieten sich verschiedene Methoden an. Ich selbst stelle gerne situative Fragen. Ich möchte also herausfinden, wie sich der Bewerber in konkreten Situationen in der Vergangenheit verhalten hat und sich in fiktiven Situationen verhalten würde.

Reine Wissensfragen stelle ich nur wenige. Eine der wenigen Ausnahmen sind Fragen zur Mathematik, was unserer (= Texas Instruments Education Technology) primären Zielgruppe (= Lehrkräfte für Mathematik und Naturwissenschaften) geschuldet ist. Es geht mir hierbei in erster Linie nicht wirklich um das mathematische Wissen, sondern viel mehr die Reaktion auf die Frage als solche. Diese ist oftmals verwunderlich genug. Gleichwohl sind die Antworten zumeist sehr erhellend. Hier möchte ich den Aspekt der mathematischen Allgemeinbildung beleuchten.

Die erste Frage lautet: „Was fällt ihnen zu Pythagoras ein?“ Nach zumeist längerem Überlegen kommt in der Regel eine Antwort, die zwar nicht völlig korrekt ist, aber doch zumindest auf verschüttetes Wissen hindeutet. Zumeist antworten die Kandidaten bruchstückhaft etwas, was an aquadratplusbquadratgleichcquadrat erinnert. So weit so gut. Als nächstes folgt die Frage: „Bei welchem Dreieck gilt dies?“ Anfangs, vor meiner großen Ernüchterung, ging ich davon aus, dass nun das Wort „rechtwinklig“ fällt. Dies tut es aber nicht. Stattdessen wird fast ausnahmslos „gleichseitig“ vermutet. Hätten Sie’s gedacht?

Es wäre jetzt billig, die mangelnden mathematischen Kenntnisse weiter Teile der Bevölkerung als Anlass zu einem allgemeinen Lamento zu nehmen. In diesen Chor möchte ich nicht einstimmen, da ich gestehen muss, dass z.B. von meinem Latein-Unterricht auch nicht wesentlich mehr übrig geblieben ist.

Wenn also dieses Detailwissen, welches im Fall Pythagoras ständig und immer wieder eingebimst wird, schon nicht vorhanden ist, muss die Aufgabe des Mathematikunterrichts dann nicht etwas ganz anderes sein? Nämlich weniger Kalkül und Rechenschemata zu üben als viel mehr Strukturen zu erkennen und Beziehungen herzustellen?

Mathematikunterricht hat häufig viel mit Rechnen und wenig mit Mathematik zu tun. Oft wird an dieser Stelle die Kurvendiskussion geschmäht. Oder die seitenlangen Termumformungen in der Mittelstufe. Der Satz des Pythagoras wird aber ebenso missbraucht: Finde einen geeigneten rechten Winkel und damit den Schlüssel zur richtigen Schublade. Dies ist auch nicht sinnerfüllter als zu einer gegebenen Funktion alle charakteristischen Punkte zu berechnen.

Ich plädiere daher dafür, die Mathematik im Unterricht als eine lebendige Wissenschaft erfahrbar zu machen. Dazu gehört das Entdecken und Forschen, dass Mutmaßen und Irren genauso, wie das Erkennen, Ordnen und Beweisen.

Gibt es Menschen, die in diese Richtung arbeiten? Ja, die gibt es. Am besten vertraut sind mir die Lehrerinnen und Lehrer des Lehrernetzwerkes T3 Deutschland, die davon überzeugt sind, dass der  Einsatz von Technologie im Unterricht, ein Katalysator für Veränderung ist. Jedem, der an einem im oben Sinne beschriebenen Sinne veränderten Mathematikunterricht interessiert ist, sei empfohlen, mit T3 in Kontakt zu treten um mehr über deren Ziele und Vorstellungen zu erfahren.

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Jeden Tag ein bisschen besser

Posted by sjgriebel - 29. September 2009

In meinem Blog Hab den Mut, Profi zu sein! vom 17.9. 2009 äußerte ich den Wunsch, dass sich Lehrerinnen und Lehrer professionalisieren sollten und hierzu auch einigen Hinweisen gegeben. Angeregt durch einen Vortrag zur COACTIV-Studie möchte ich auf einen Punkt besonders eingehen, der im Berufsbild Lehrer meist nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es ist dies der persönliche, innere Wunsch einer jeden Lehrkraft nach ständiger Verbesserung und Weiterentwicklung.

Es gibt Berufe, bei denen es beruflich und gesellschaftlich betrachtet selbstverständlicher Teil des Berufsbildes, seine eigenen Schwächen zu erkennen und an deren Behebung zu arbeiten, und sich kontinuierlich durch eigene Anstrengung und externe Unterstützung weiterentwickeln zu suchen. Hierzu gehören z.B. Sportler oder Musiker, aber auch andere Berufsgruppen. Von den Vertretern dieses Berufes, ob Profi oder Amateur, wird lebenslang eine stete Verbesserung des eigenen Könnens, als Minimum zumindest der Erhalt der eigenen Leistungsfähigkeit angestrebt.

Mein Eindruck, dass dies bei Lehrern nicht in gleichem Maße der Fall ist. Folgende Merkmale sind nicht Teil des Berufsbildes Lehrer:

  • regelmäßige Analyse individueller Stärken und Schwächen hinsichtlich fachlicher, pädagogischer, didaktischer oder methodischer Kompetenzen
  • darauf aufbauend Entwicklung eines individuellen Trainingsplanes
  • kontinuierliche Erfolgsmessung zur Sicherung des Erreichten und Feinjustieren des Trainingsplanes

Es lassen sich viele, zumeist äußere, durch das System Schule gegebene Gründe für diesen Sachverhalt nennen. Fakt bleibt, dass es so ist. Fakt bleibt auch, dass von außen wenig Hilfe zu erwarten ist. Bleibt nur eines: der Blick nach innen. Selbst wenn von außen große Anstrengungen unternommen würden, diesen Sachverhalt zu ändern, so würden diese doch nur fruchten, wenn sie auf die richtige innere Einstellung träfen. Dies bedeutet zu vorderst, dass sich die Lehrkräfte selbst, aus eigenem Antrieb und eigenen Willen heraus um diese stete Steigerung der persönlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten bemühen müssen. Daher wünsche ich mir, dass jeder Lehrer für sich selbst das Bedürfnis entwickelt, jeden Tag ein bisschen besser zu werden.

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Hab den Mut, Profi zu sein!

Posted by sjgriebel - 17. September 2009

Bedingt durch meinen Werdegang kenne ich Schulen aus vielerlei Sichtweisen: von innen als Schüler und Referendar, von außen als Vater und täglich berufsbedingt. Klarerweise sind auch viele meiner Freunde Lehrer, so dass ich dem Thema Schule im allgemeinen und Lehrer im besonderen nicht entfliehen kann. Und, am Rande bemerkt, ja auch gar nicht will.

In all den Jahren ist mir ein Punkt besonders aufgefallen, den ich bei anderen Berufsgruppen in dieser Ausprägung nicht beobachten kann. Es ist die Scheu, professionell zu sein. Professionell in folgendem Sinne: es würde doch kaum jemanden einfallen, einem Handwerker in seine Arbeit reinzureden, oder einem Ingenieur oder Polizisten oder sonst wem. Diesen Berufsgruppen wird ihre Professionalität einfach unterstellt, und sollte doch jemand einmal Zweifel hegen, wird ihm das Gegenteil klar auseinandergesetzt.

Bei Lehrern scheint dies aber etwas anderes zu sein. Denn schliesslich war ja jeder mal in der Schule und kennt sich daher bestens aus. Und kann daher auch wunderbar mitreden, was die Schule, ergo Lehrer, neben der Stoffvermittlung nicht noch alles leisten sollen, was nicht alles falsch läuft und was zu tun wäre. Zum Wohle der Kinder, der Gesellschaft und der Menschheit überhaupt. In drastischeren Worten: Laien erdreisten sich, viele Dinge besser zu wissen, als diejenigen, die diesen Beruf in vielen Jahren Ausbildung gelernt haben und sich täglich in ihrem Geschäft bewähren.

Und was machen Lehrer typischerweise? – Sie lassen es sich gefallen.  Sie sind es gewohnt, dass alle Welt an ihnen zerrt. Durch ihre tägliche Arbeit geprägt, hören sie ihrem Gegenüber geduldig zu, bemühen sich allzeit um Verständnis und strengen sich redlich an, dem anderen auf dem Wege der Entfaltung seiner Persönlichkeit hilfreich zur Seite zu stehen. Damit lassen sie es sehenden Auges zu, dass ihnen andere frech und ungerührt die Butter vom Brot nehmen und bezahlen ihren Dauerfrust mit Burnout und vorzeitiger Pensionierung.

Meine Empfehlung ist es, sich dies nicht länger gefallen zu lassen, sondern sich endlich wie ein Profi zu benehmen. Dazu gehören für mich viele, insbesondere die folgenden Aspekte:

  • sich aus eigenem Antrieb weiterbilden, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben – fachlich, psychologisch und pädagogisch
  • neuen Lehr- und Lernmethoden offen gegenüberstehen und täglich an einem kleinen Stück Verbesserung arbeiten
  • sich stärker in Fachverbänden zu organisieren und engagieren, und weniger in Standesvertretungen
  • Einwürfen von außen fundiert in angemessener Fachsprache entgegentreten

Ich kenne viele Lehrer, die diese Punkte nicht nur umsetzen, sondern deutlich übertreffen. Doch leider habe ich den Eindruck, dass es noch weit mehr gibt, die die Kraft es anzupacken nicht oder nicht mehr aufbringen. Gründe hierfür lassen viele aufzählen und auch was dem alles entgegensteht. Dies weiss ich alles und dazu wurde an anderer Stelle bereits viel gesagt und geschrieben. Bleibt der Fakt, dass es schlicht zu wenig geschieht.

Viele müssen ihren Teil zum Gelingen beitragen, doch der Impuls und Wunsch nach Änderung muß von innen, muß von den Lehrern kommen. Und daher richte ich meinen Appell an jeden einzelnen: Hab den Mut, Profi zu sein.

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