Stephan Griebel

Einsichten, Aussichten und anderes

Archive for April 2010

Wo das Experiment endet und die Innovation beginnt

Posted by sjgriebel - 13. April 2010

CSpannagel hat als auf Antwort auf meinen Kommentar zu seinem Blog Hey, hey Wiki! Hey, wiki, hey! zu recht festgestellt, dass die Frage, welche Medien einen Kompetenzzuwachs bei Schülerinnen und Schülern besser fördern, eindimensional interpretiert zu kurz greift, sondern man stattdessen vielschichtige wechselseitige Abhängigkeiten in Unterricht und Schule beachten muß, bevor man zu einem sinnvollen Urteil gelangen kann.

Es ist völlig klar, dass ein Medium alleine noch wenig bewirkt, sondern dass es auf das günstige Zusammenspiel vieler Faktoren ankommt (Wer?, Wie?, Was?, Wann?, Womit?, Wozu?…) Ein Medium kann ein Katalysator sein, muss es aber nicht. Eine Analogie: Einfach ein Stück Platin in eine Chemikaliensuppe zu halten genügt nicht, es müssen die richtigen Chemikalien sein, Druck und Temperatur muss stimmen und auch das Platin muss in einer bestimmten Form vorliegen. Erst wenn alles innerhalb gewisser Bandbreiten vorliegt, kann das Werk gelingen.

Mich treibt die Frage um, welches Medium (verstanden als Katalysator in einem umfassenden Prozess) eine höhere Lernwirkamkeit hervorruft als ein anderes. Könnten wir diese Frage beantworten, so könnten wir klare Handlungsempfehlungen ausprechen – an Kollegen, Lehrplankommissionen, Gesellschaft und Politik. Die Kraft der Argumente würde Zweifler überzeugen helfen und einen Durchbruch bewirken.

Ist dies leistbar? Kann es ein System geben, dass alle Interdependenzen widerspiegelt? In der Absolutheit „alle“ geht dies natürlich nicht, denn dafür ist „alle“ einfach zu umfassend. Die Anzahl der Abhängigkeiten zwischen den Variablen wächst exponentiell mit der Anzahl der Variablen, vielleicht noch stärker.

Dennoch halte ich es für notwendig, dass man an die Phase des freien Experimentierens, in der nur wenige Variable kontrolliert werden, eine Phase des Zusammentragens und Konsolidierens anschließt, um zu belastbaren Aussagen zu dem Zusammenspiel vieler Variablen zu gelangen. Wünschenswert wäre hierbei, die beiden Phasen so ineinander zu verschränken, dass die Zeiträume zwischen Ideeentwicklung und breiter Umsetzung nicht allzuweit auseinander liegen.

Das freie, ungestüme, naive (hier: nicht die Konsequenzen fürchtend) und amateurhafte (hier: amare = lieben, die Freude und Lust am Unbekannten) Experimentieren ist eine zwingend notwendige Voraussetzung, um neue Wege zu beschreiten. Aus dem blossen Experiment wird eine echte Innovation in dem Moment, in dem Andere (die Furchtsamen und das Vertraute Suchenden) diesen Weg ebenfalls beschreiten können. Nachdem die erste Welle der Entdecker wilde Pfade in den Urwald gehauen hat, braucht es eine zweite Welle von Landentwicklern, die die zielführendsten Pfade auswählen, zu befestigten Wegen ausbauen, samt Leitplanken, Sicherungsseilen und Warnschildern.

Die wahre Herausforderung bzgl.  der Integration elektronischer Medien im Unterricht ist in meinen Augen daher nicht, immer neue Technologien auszuprobieren . Dies ist Aufgabe der Experimentatoren. Die wahre Aufgabe haben die Innovatoren zu leisten, nämlich in der Menge der Experimentalergebnisse Muster zu erkennen, die anderen zum Handlungsleitfaden werden können.

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Single-Purpose oder General-Purpose? – Zukunft der Technologie im Klassenzimmer

Posted by sjgriebel - 9. April 2010

Vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit mich mit Lehrerinnen und Lehren über ihre Hoffnungen und Erwartungen bzgl. elektronischer Medien im Unterricht auszutauschen. Neben vielen anderen Dingen kamen wir auch auf die Frage zu sprechen, ob die Zukunft der elektronischen Medien im Unterricht eher den Single-Purpose oder den General-Purpose-Geräten gehört. Oder mit anderen Worten, ob die Schüler zukünftig für jedes Fach oder Fächergruppen ein eigenes elektronisches Helferlein besitzen werden oder ob es ein Gerät sein wird, welches sich in allen Fächern gleichermaßen gut benutzen lässt. Ob es also auf mehrere auf bestimmte Fachgebiete oder Einsatzszenarien optimierte Medien hinauslaufen wird oder ob wir eines Tages eher mit dem einen universellen Medium im Unterricht arbeiten werden.

Meine Überzeugung ist, dass es auf einen ganzen Strauß von Werkzeugen hinauslaufen wird, für jeden Zweck und für jeden Geschmack das passende Gerät. Warum?

Beispiel 1 – Fahrrad: Möchte man von A nach B radeln, wird der eine ein Mountainbike bevorzugen während der Zweite sein Tourenrad nimmt und der Dritte mit dem Rennrad kommt. Natürlich kann ich mit einem Mountainbike oder Rennrad auch in der Stadt radeln, doch wirklich geeignet ist es nicht, denn wo soll ich denn nun die Einkaufstaschen hinhängen? Umgekehrt werde ich in den Bergen mit dem Citybike nicht dasselbe Fahrvergnügen erleben. Grund: Das Werkzeug muss der Situation angemessen sein.

Beispiel 2 – Mikrowelle: Mit modernen Mikrowellen kann man Speisen nicht einfach nur auftauen oder erwärmen, sondern auch grillen und backen. Nur kenne ich kaum jemanden, der seine Mikrowelle auch tatsächlich so nutzt. Genutzt wird in der Regel nur die schlichte Funktion des Auftauens und Erwärmens, meist mit der immer gleichen Leistungszahl. Für die anderen Funktionen nimmt man eine Bratpfanne oder eine Backröhre. Grund: Obwohl es ganz einfach wäre, bleibt man lieber beim Vertrauten.

Beispiel 3 – Gartengeräte mit verschiedenen Vorsätzen: Die Idee bei diesen Werkzeugen ist, dass man durch Austauschen verschiedener Vorsätzen aus einem Rechen im Handumdrehen einen Sauzahn, Besen oder anderes macht. Klingt prima, macht bloß kaum jemand. Grund: Das Umbauen kostet mehr Nerv als der Gang zurück zum Gartenschuppen.

Ich kann nicht einsehen, warum dies im Bereich der elektronischen Medien wirklich anders sein soll:

Konvergenz bei gleichzeitiger Divergenz: Auf der einen Seite beobachten wir eine starke Konvergenz. Mit einem Mobiltelefon kann man heute selbstverständlich auch fotografieren oder tausend andere Dinge tun. Gleichzeitig stellen wir in gleichem Maße Divergenz fest: Notebooks, Netbooks, Smartphones, eBooks etc in verschiedensten Formen und Varianten mit vielen überlappenden Funktionen aber ebenso speziellen und einzigartigen Ausprägungen.

Spezielle Endgeräte im beruflichen Umfeld: In zunehmenden Maße halten in Gastronomiebetrieben elektronische Geräte zur Bestellaufnahme und Rechnungserstellung Einzug. Die Paketannahme quittiert man per Unterschrift auf einem elektronischen Lesegerät und auch der Fahrkartenkontrolleur der Bahn greift zu seinem elektronischen Wunderkasten.

Spielecomputer oder Computer mit Spielen: Natürlich kann ich auch mit einem regulären PC Spiele spielen oder mit einer Spielekonsole mehr tun als nur zu spielen, doch im Zweifelsfall findet man im Haushalt noch eine weitere Maschine, denn eine weniger.

Ich denke, ich konnte zeigen, dass diese Sammlung von Bespielen sich sowohl im Bereich der klassischen Werkzeuge als auch der elektronischen jetzt bereits umfassend ist und sich darüber hinaus beliebig fortsetzen liesse. Ich bin mir der Konsequenzen für Schule durchaus bewusst, doch bin ich aus den genannten Gründen und wegen der langen Reihe von Beispielen überzeugt, dass man sich vom Traum eines universellen Unterrichtswerkzeuges verabschieden sollte. Stattdessen sollte man sich mit genauso viel Engagement und Leidenschaft der Weiterentwicklung fachspezifischer und fachoptimierter Werkzeuge widmen.

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Bares Geld für bessere Schüler? – Eine Antwort

Posted by sjgriebel - 7. April 2010

Das Handelsblatt lese ich eher selten. Doch interessanterweise fand ich gerade dort am 26.3.2010 einen bildungspolitischen Beitrag mit dem Titel „Bares Geld für bessere Schüler“. In dem Beitrag werden Untersuchungen zusammengefasst und es kommen Experten zu Wort, die sich der Frage widmen, ob oder inwieweit monetäre Anreize für Schüler oder Lehrer deren Leistungen verbessern helfen können. In einer der genannten Studien wurden Lehrer für das gute Abschneiden ihrer Schüler in einer unabhängigen Vergleichsprüfung belohnt, in einer anderen Studie bekamen die Schüler das Geld.

Bonussysteme können sicherlich ein Mittel sein, Leistungsbereitschaft und Leistungswillen zu fördern und damit tatsächlich Leistungen zu steigern. Doch ob dies für Schule ein taugliches Mittel ist, halte ich für fraglich:

Es stellt sich die allgemeine Frage nach der testtheoretischen Güte des Verfahrens, also der Objektivität (Ist die Untersuchung objektiv?), Reliabilität (Wird das Merkmal zuverlässig gemessen?) und Validität (Misst das Verfahren das gewünschte Merkmal?). Einverstanden, möchte man diese Kriterien tatsächlich in aller Schärfe anlegen, dann würde man es wohl etwas übertreiben. Es ist weithin üblich, dass der nächste Karriereschritt gegangen und der variable Gehaltsbestandteil ausbezahlt wird, auch wenn die Gütekriterien nicht perfekt erfüllt werden und dass ohne Aufschrei allenthalben.

Lassen wir dieses theoriebasierte Argument beiseite und stellen inhaltliche Fragen:

Es ist menschlich, sich opportunistisch zu verhalten. Misst man den Grad der Erfüllung einer bestimmten Größe und belohnt hohe Erfüllungsquoten, so wird der Belohnte im Regelfall alles unternehmen, um seine Belohnung zu maximieren. Die induzierten Verhaltensweisen können sehr vielfältig sein, auf alle Fälle werden sie auf eine Maximierung des finanziellen Ergebnisses hin optimiert sein. Entspricht dies unserem Bild von Schule? Was wird aus dem lebendigen Schulleben und der Schulfamilie? Was wird aus dem umfassenden Bildungsauftrag der Schule, der weit über das in standardisierten Prüfungen abrufbare hinausgeht? Es stellt sich also die Frage, ob die Nebenwirkungen mit der gewünschten Wirkung in einem akzeptablen Verhältnis stehen.

Letztlich sollte man auf einen Vorschlag aus der Finanzwelt mit Argumenten in der Sprache und Logik dieser Welt antworten:

  • Finanzielle Anreize sind materielle Verstärker. In der Lernpsychologie wird von dem Einsatz von materiellen Verstärkern abgeraten, da sie nicht langfristig tragen, sondern sie sich in ihrer Wirksamkeit abnutzen. Man muss also entweder einen immer höheren Anreiz bieten oder akzeptieren, dass ein Ausbleiben des Anreizes einen Rückfall in die Zeit vor Einführung des Systems zur Folge hat.
  • Stimmt die Kosten-Nutzen-Analyse? Und wie schneidet diese Maßnahme im Vergleich zu anderen denkbaren Maßnahmen ab? Angenommen man würde akzeptieren, dass das Abschneiden in einem standardisierten Test, z.B. der Abiturprüfung, ein hinreichendes Maß für den Erfolg oder Misserfolg einer Lehrkraft ist, dann sollte doch bitteschön die Maßnahme ergriffen werden, die den höchsten Zugewinn erwarten lässt.

Auf dem Basar der Möglichkeiten scheinen die vorgeschlagenen, drastischen finanziellen Anreize für Schüler oder Lehrer ein Neuzugang zu sein. Sie stehen jedoch in Konkurrenz zu anderen Optionen und sind entsprechend hinsichtlich ihrer gewünschten Wirkungen wie unerwünschten Nebenwirkungen zu bewerten.

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