Stephan Griebel

Einsichten, Aussichten und anderes

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Taschenrechner heute – ein Understatement

Posted by sjgriebel - 11. Oktober 2010

Zu Beginn der 1970er waren die damaligen Hersteller von Rechenschiebern der festen Überzeugung, dass der Rechenschieber das ideale Werkzeug für den Mathematikunterricht sei. In Lehrplan, Prüfung und Schulbuch integriert, und preisgünstig obendrein. Doch ging es den Nutzern nicht darum, sich mit Logarithmentafeln und Interpolationsmethoden eine möglichst gute Näherungslösung zu verschaffen. Die Nutzer waren auf der Suche nach einem Hilfsmittel, welches sie vom Rechnen entlastet. Ganz so wie es Leibniz formuliert hat: „Denn es ist eines ausgezeichneten Mannes nicht würdig, wertvolle Stunden wie ein Sklave im Keller der einfachen Rechnungen zu verbringen. Diese Aufgaben könnten ohne Besorgnis abgegeben werden, wenn wir Maschinen hätten.“ Eine Antwort auf diesen Wunsch waren die Taschenrechner, anfangs sündhaft teuer aber mit großer Anziehungskraft. Die Taschenrechner verdrängten in sehr kurzer Zeit die bis dahin verbreiteten Rechenschieber und traten ihren Siegeszug an. In den folgenden Jahren wurden die Taschenrechner immer weiter entwickelt und für spezifische Bedürfnisse ausdifferenziert, z.B. durch zusätzliche Speicher-, Druck- oder Programmiermöglichkeiten oder durch eine Fülle mathematischer oder naturwissenschaftlicher Zusatzfunktionen.

Der nächste große Entwicklungsschritt bahnte sich anfangs der 1990er Jahre an als man erkannte, dass das erleichterte Rechnen alleine keine nachhaltige Maßgabe für den Unterricht mehr sein kann. Wichtig wurde dank der besser auflösenden Graphikdisplays die Veranschaulichung und Visualisierung von mathematischen Zusammenhängen. Unter dem Stichwort „The Power of Visualization“ fasste Prof. Bert Waits von der Ohio State University, Columbus, Ohio und Gründer von T3 – Teachers Teaching with Technology die pädagogischen Vorstellungen dieser Zeit zusammen.

Die Herausforderungen in der Schule heute haben sich weiter verlagert. Neben dem Rechnen und Veranschaulichen geht es innermathematisch und durch Modellieren realer Anwendungssituationen um das Verstehen der tieferliegenden mathematischen Zusammenhänge, wozu eine zunehmend engere Verknüpfung von Computeralgebra, dynamischer Geometrie, Funktionenplotter und Tabellenkalkulation dient. Diese Verknüpfung ermöglicht den Lernenden individuelle Zugänge, den Lehrenden erleichtert es die Binnendifferenzierung. Doch damit nicht genug: Selbstredend ist der Taschenrechner als portabler Handheld alleine heute nicht mehr ausreichend, selbstverständlich wird eine quasi barrierefreie Verbindung mit der Welt der Computer und des Internets erwartet einschließlich interaktiver Whiteboards und elektronischen Lernplattformen. Zudem treten zunehmend Fragen nach individuellen Lernstandserhebungen und neuen Formen des Assessments hinzu.

Ein Taschenrechner ist heute weit mehr als der bloße Rechenknecht der Vergangenheit, zumindest kann dies von den Spitzenprodukten so behauptet werden. Der Taschenrechner als portabler Handheld ist eingebettet in ein System von Software und Peripherieprodukten, die die genannten Anforderungen zu erreichen suchen. Der Begriff Taschenrechner muss damit als Teil einer umfassenden Lösung breiter gedacht werden, als man als Laie vielleicht vermutet hätte.

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