Stephan Griebel

Einsichten, Aussichten und anderes

Nicht das Heute, das Morgen zählt!

Posted by sjgriebel - 27. Oktober 2011

In der Diskussion um den Einsatz digitaler Medien im Unterricht wird immer wieder das Argument herangezogen, dass wir die Schüler von heute auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten müssen. Dass dies eine der wesentlichen, wenn auch bei weitem nicht die einzige Aufgabe von Schule ist, bestreitet sicherlich niemand. Verquer wird das Argument, wenn es herangezogen wird, den Einsatz des letzten Schreis technologischer Entwicklung zu begründen. Das was wir heute 13-Jährigen in die Hand geben, ist in 10 Jahren, wenn sie ernsthaft in Berufsleben einsteigen so oder so hoffnungslos veraltet. Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, ob es 10 Jahre oder 15 Jahre veraltet ist. Angesichts der aktuellen technologischen Entwicklungszyklen macht dies nicht wirklich einen Unterschied. Die Zeitung von gestern ist um keinen Deut aktueller als die Zeitung von vorgestern. Was heute brandaktuell ist, ist morgen belächelte Geschichte.

Versetzen wir uns also einmal in einen Arbeitgeber. Was für ihn zählt, ist, dass der zukünftige Mitarbeiter aus der notwendigerweise beschränkten Menge vorhandener Werkzeuge, dasjenige auszuwählen kann, das eine etwaige Problemlösung am besten unterstützt. Die wichtigste Kompetenz ist also, das zu einer bestimmten Zielerreichung best-geeignete Werkzeug zu wählen. Dieses Werkzeug bedienen zu können, um damit den gewünschten Nutzen zu erzeugen, erscheint aus dieser Sicht zweitrangig. Die Frage der Aktualität des Werkzeugs ist für sich betrachtet in keinster Weise eine bedeutsame Dimension. Coolheit schon gleich gar nicht. Das Werkzeug, das den zu erledigenden Job am besten erfüllt, ist das Werkzeug der Wahl, nichts anderes. Werkzeugkompetenz ist somit also in erster Linie Werkzeug-Selektions-Kompetenz, und erst nachrangig Werkzeug-Bedien-Kompetenz.

Was bedeutet die für Schule? Zunächst einmal bedeutet dies, dass man nicht jeder consumer electronic Sau, die gerade durch’s digitale Dorf getrieben wird, nachjagen muss. Daraus ergibt sich die Chance, wenn es sein muss, auch mal einen Technologiezyklus auszusetzen, ohne befürchten zu müssen, den Anschluss nicht mehr finden zu können. Mit großer Gelassenheit kann man die Technologie auswählen, die seine pädagogischen Ziele am besten unterstützt. Umgekehrt: Sobald man eine Technologie gefunden hat, die den bisherigen Job besser erfüllt, wird es aber auch höchste Zeit umzusteigen. Um bei der Begrifflichkeit zu bleiben, braucht es also ein gerüttet Maß an Werkzeug-Selektions-Kompetenz auf Ebene der Lehrkraft oder Schulverwaltung.

Ist dies nun ein Plädoyer für eine Entschleunigung oder Beschleunigung der Entscheidungsprozesse? Es ist wohl ein Plädoyer für beides: Diejenigen, denen es nicht schnell genug gehen kann, mögen einen Moment inne halten. Und diejenigen, die im Status Quo verharren wollen, sollen sich mal einen Ruck geben. Beide bitte ich, ihre jeweilige ideologische Brille abzusetzen. Zum Wohle unserer Schülerinnen und Schüler, denen wir heute das Rüstzeug für Morgen mitgeben müssen.

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Eine Antwort to “Nicht das Heute, das Morgen zählt!”

  1. Martin Kurz said

    Mir gefällt der Gedankengang „Werkzeug-Selektions-Kompetenz“ vs. „Werkzeug-Bedien-Kompetenz“. Dies ist genau richtig, die richtige Wahl des Werkzeugs ist ganz entscheidend. Es ist wie mit Effizienz und Effektivität. Mir nützt eine hoch effiziente Arbeitsweise nicht, wenn ich das Ziel (effektiv) nicht erreiche.

    Danke für den guten Artikel!

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