Stephan Griebel

Einsichten, Aussichten und anderes

Posts Tagged ‘Lehrer’

vocational school: Lehrersein ist eine Berufung

Posted by sjgriebel - 21. Juli 2014

Vielleicht geht es nur mir so, doch schwingt in meinen Ohren im Englischsprachigen Begriff „vocational school“ viel mehr der Geist der Berufung (lateinisch: vocatio) mit als beim deutschen Analogon der „Berufsschule“. Stehe ich damit alleine oder empfinden andere ebenso?

Ich bin der festen Überzeugung, dass alle Lehrerinnen und Lehrer – von nur ganz, ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – diesen, ihren Beruf aus Idealismus heraus ergriffen haben. Leider wird dieser Idealismus allzuoft in unserem Schulsystem im Laufe der Jahre verschüttet. Wäre es nicht schön, wenn alle Lehrerinnen und Lehrer sich wieder an den Moment ihrer Berufung erinnern würden? Als sie damals entschieden haben, diesen Lebensweg einzuschlagen? Und wenn sie sich jeden Morgen daran erinnern würden, um tagsüber in der Schule vor der Klasse daran anzuknüpfen? Ich für meinen Teil wünsche es ihnen von ganzen Herzen.

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Drei Schwächen im deutschen Bildungssystem

Posted by sjgriebel - 21. Juli 2014

Meine berufliche Tätigkeit ermöglicht es mir, Einblick in die Bildungssysteme vieler anderer Länder zu bekommen. Dazu zählen die vergleichsweise wohlhabenden Länder West-, Zentral- und Nordeuropas, unsere süd- und osteuropäischen Nachbarländer aber auch mehrere Länder des Nahen Ostens. Im Vergleich mit vielen dieser Länder muss bei uns vieles ziemlich gut laufen, sonst ginge es uns nicht so gut und wir würden nicht so beneidet. Andererseits könnten wir meiner Meinung nach noch viel besser sein, wenn wir folgende drei grundlegende Schwächen unseres Systems angehen würden. Diese sind in meinen Augen:

1) Dürftige finanzielle Ausstattung

2) Ständiges Herumbasteln an den äußeren Strukturen

3) Selbstverständnis der Lehrerinnen und Lehrer und Wertschätzung des Lehrberufes in der Öffentlichkeit

 

@1)  Dürftige finanzielle Ausstattung:

Laut Eurostat lagen die Bildungsausgaben in Deutschland 2011 bei 4.98% des BIP, der EU Durchschnitt bei 5.25%. Das Geld nicht alles ist, sieht man an Schweden. Die Bildungsausgaben sind mit 6.82% fast zwei Prozentpunkte höher als bei uns, gleichwohl ist man dort mit seinem System gar nicht zufrieden. Andererseits halte ich die Diskussion über unsanierte Schultoiletten für beschämend, die Begründungen für die Schulschließungen in ländlichen Gebieten für demütigend und den jährlich wiederkehrenden Kampf um Lehrerstellen für haarsträubend.

@2) Ständiges Herumbasteln an den äußeren Strukturen:

In keinem anderen mir bekannten Land wird so heftig über äußere Schulstrukturen diskutiert wie in Deutschland. Ständig werden neue Schulformen erfunden, in der Hoffnung und Erwartung, dass sich dann schon alles zum Besseren wenden wird. Und wenn nicht, auch egal, dann erfinden wir halt was Neues.

Nehmen wir zum Beispiel die Schulformen der Sekundarstufe 1: Sind die Unterschiede zwischen Hauptschule, Realschule, Regionalschule, Regelschule, Sekundarschule, Mittelschule, Oberschule, Realschule plus, Erweiterte Realschule, Gesamtschule und Gymnasium in der Sek1 wirklich so groß, dass man dafür 11 Schulformen benötigt? Dabei sind die verschiedenen Zweige oder sonstiges noch gar nicht berücksichtigt! Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Was hier an Zeit, Geld und Energie verbrannt wird? Wo könnten wir stehen, wenn wir uns nur endlich mal auf ein Modell einigen könnten.

@3) Selbstverständnis der Lehrerinnen und Lehrer und Wertschätzung des Lehrberufes in der Öffentlichkeit:

In noch keinem anderen Land ist mir ein Spruch entgegengeschlagen wie „Ich bin ja nur Lehrer.“ Woher kommt dieses Sich-klein-machen nur her? Laut Allensbach Studie von 2013  ist Lehrer einer der angesehensten Berufe in Deutschland. Kein Arzt oder Handwerker stellt sein Licht derart unter den Scheffel: „Asche auf mein Haupt. Ich bin ja nur xyz.“ Der bescheidene Auftritt ehrt unsere Lehrerinnen und Lehrer, doch während andere lediglich ihren Jobs nachgehen, haben Lehrerinnen und Lehrer die Möglichkeit, ihren Beruf (Berufung!) zu leben. Tut dies und strahlt dies auch aus.

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Von Nichtschwimmern – oder: Wohin führt uns der Tablet Hype?

Posted by sjgriebel - 18. November 2011

Die DLRG stellt gemeinsam mit Emnid in einer Umfrage fest, dass die Anzahl der Nichtschwimmer unter den Kindern offenbar zunimmt. Dies hat mich verwundert, wo die allenthalben verbreiteten Spassbäder doch eigentlich viel mehr Familien ins Schwimmbad locken müßten, als es die früheren Sportbäder je konnten.  Vielleicht tun sie es ja auch, doch schwimmen, nein schwimmen tut man dort nicht. Man geht zwar gerne in die Spassbäder (= gestiegene Motivation) und bewegt sich mit großer Freude im Wasser (= hoher Grad an Aktivität) und das auch mit anderen (=sozial). Nur mit dem Schwimmen, ja, da ist das so eine Sache…

Früher gab es keine Spassbäder, sondern nur richtige Schwimmbäder. Die waren zwar langweilig, aber man schwamm. Was hätte man dort auch sonst machen sollen? Kaltes Wasser läßt sich schwimmend leichter aushalten. Und ausserdem waren die Becken so tief, dass alleine dies bereits zu Schwimmbewegungen anregte. Und so kam, was kommen musste, man lernte schwimmen.

Aktuell plagt mich die Frage, ob dies eine passende Analogie zum gegenwärtigen Tablet-Hype ist.  Man planscht sich hyperaktiv durch immer neue Apps. Man ist super motiviert, weil’s richtig Spass macht. Und, weil’s alle gemeinsam und zusammen machen, ist’s auch noch total sozial. Nur mit dem Lernen, ja, da ist das so eine Sache…

Genügt die eine App, wo doch die nächste noch viele coolere nur ein paar Klicks entfernt ist? So wie die Spassbäder immer einen neuen Kick bieten müssen, um bestehen zu können. Lernerfolg egal; Spass muss sein, sonst geht die Motivation in den Keller. Bei Nirvana hiess es „Entertain us“. Schule also als große Entertainment Show? Ist es das, worauf wir zusteuern? Wohin führt uns der Tablet-Hype?

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Nicht das Heute, das Morgen zählt!

Posted by sjgriebel - 27. Oktober 2011

In der Diskussion um den Einsatz digitaler Medien im Unterricht wird immer wieder das Argument herangezogen, dass wir die Schüler von heute auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten müssen. Dass dies eine der wesentlichen, wenn auch bei weitem nicht die einzige Aufgabe von Schule ist, bestreitet sicherlich niemand. Verquer wird das Argument, wenn es herangezogen wird, den Einsatz des letzten Schreis technologischer Entwicklung zu begründen. Das was wir heute 13-Jährigen in die Hand geben, ist in 10 Jahren, wenn sie ernsthaft in Berufsleben einsteigen so oder so hoffnungslos veraltet. Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, ob es 10 Jahre oder 15 Jahre veraltet ist. Angesichts der aktuellen technologischen Entwicklungszyklen macht dies nicht wirklich einen Unterschied. Die Zeitung von gestern ist um keinen Deut aktueller als die Zeitung von vorgestern. Was heute brandaktuell ist, ist morgen belächelte Geschichte.

Versetzen wir uns also einmal in einen Arbeitgeber. Was für ihn zählt, ist, dass der zukünftige Mitarbeiter aus der notwendigerweise beschränkten Menge vorhandener Werkzeuge, dasjenige auszuwählen kann, das eine etwaige Problemlösung am besten unterstützt. Die wichtigste Kompetenz ist also, das zu einer bestimmten Zielerreichung best-geeignete Werkzeug zu wählen. Dieses Werkzeug bedienen zu können, um damit den gewünschten Nutzen zu erzeugen, erscheint aus dieser Sicht zweitrangig. Die Frage der Aktualität des Werkzeugs ist für sich betrachtet in keinster Weise eine bedeutsame Dimension. Coolheit schon gleich gar nicht. Das Werkzeug, das den zu erledigenden Job am besten erfüllt, ist das Werkzeug der Wahl, nichts anderes. Werkzeugkompetenz ist somit also in erster Linie Werkzeug-Selektions-Kompetenz, und erst nachrangig Werkzeug-Bedien-Kompetenz.

Was bedeutet die für Schule? Zunächst einmal bedeutet dies, dass man nicht jeder consumer electronic Sau, die gerade durch’s digitale Dorf getrieben wird, nachjagen muss. Daraus ergibt sich die Chance, wenn es sein muss, auch mal einen Technologiezyklus auszusetzen, ohne befürchten zu müssen, den Anschluss nicht mehr finden zu können. Mit großer Gelassenheit kann man die Technologie auswählen, die seine pädagogischen Ziele am besten unterstützt. Umgekehrt: Sobald man eine Technologie gefunden hat, die den bisherigen Job besser erfüllt, wird es aber auch höchste Zeit umzusteigen. Um bei der Begrifflichkeit zu bleiben, braucht es also ein gerüttet Maß an Werkzeug-Selektions-Kompetenz auf Ebene der Lehrkraft oder Schulverwaltung.

Ist dies nun ein Plädoyer für eine Entschleunigung oder Beschleunigung der Entscheidungsprozesse? Es ist wohl ein Plädoyer für beides: Diejenigen, denen es nicht schnell genug gehen kann, mögen einen Moment inne halten. Und diejenigen, die im Status Quo verharren wollen, sollen sich mal einen Ruck geben. Beide bitte ich, ihre jeweilige ideologische Brille abzusetzen. Zum Wohle unserer Schülerinnen und Schüler, denen wir heute das Rüstzeug für Morgen mitgeben müssen.

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Motivation alleine genügt mir nicht

Posted by sjgriebel - 30. Juni 2010

Im Rückblick auf die Didacta und beim Durchblättern verschiedener unterrichtsbezogener Zeitschriften zum Thema Computer und Unterricht ist mit eine durchgängige Behauptung aufgefallen. Es ist fast gleichgültig, welches digitale Medium für den Unterricht angepriesen wird, sehr oft steht eine zentrale Botschaft im Mittelpunkt: Die xyz-Technologie steigert die Motivation der Schüler.

Bewertung gemäß der Lernwirksamkeit
Es ist eine Freude, begeisterte Schüler zu unterrichten. Kein Zweifel. Doch greift Motivation als zentrale Aussage zu kurz. Offenheit, Interessiertheit und Engagement – andere Umschreibungen für Motivation also – sind notwendige Voraussetzung für guten Lernerfolg. Jedoch müssen weitere Komponenten hinzutreten, um Lernen im Sinne einer dauerhaften Einbettung neuer Inhalte in vorhandene Wissensstrukturen zu bewirken. Motivation verstanden als Bereitschaft, sich neuen Inhalten zu öffnen, ist ein guter Start. Wichtiger jedoch ist, was am Ende herauskommt. Statt die verschiedenen Medien hinsichtlich ihrer Motivationspotentiale müssen wir sie gemäß ihrer spezifischen Lernwirksamkeit bewerten.

Das Bild des grundsätzlich unmotivierten Schülers
Welches Schülerbild haben wir eigentlich im Kopf, wenn wir Technologie mit Motivation in Verbindung bringen? Geht es um eine Motivationssteigerung? – Dann ist zumindest eine Grundmotivation vorhanden. Oder geht es vielmehr um eine Motivationsweckung? – Dann geht man davon aus, dass Schüler grundsätzlich unmotiviert seien. Letztlich ist dies nichts anderes als die bereits von Sokrates erhobene Klage über die Verderbtheit der heutigen Jugend. Selbstredend sind nicht alle Schüler gleichermaßen für alle schulischen Inhalte gleichermaßen zu begeistern. Damit unterscheiden sich Schüler aber in keinster Weise von Nicht-Schülern, sprich uns Erwachsenen, die wir uns ebenfalls nur schwer oder gar nicht zu Verhaltensweisen bewegen (= motivieren) lassen, die eigentlich gut für uns wären.

Motiviert sein = Wunsch erfolgreich zu sein
Das Bild des grundsätzlich unmotivierten Schülers ist demnach also falsch. Ich werbe daher für eine andere Ausgangsbasis. Unterricht muss davon ausgehen, dass Schüler grundsätzlich erst einmal motiviert sind. Motiviert sein bedeutet, einen inneren Antrieb zu spüren, Erfolg zu haben. Erfolg zu haben oder erfolgreich zu sein, bedeutet hier vor allem, im Einklang mit seinen Motiven zu handeln, und durch das Erreichen seiner Ziele, innere Befriedigung zu erfahren. Die Aufgabe der Lehrkraft besteht dann darin, die Motivation seiner Schüler auf die gewünschten Gegenstände zu richten, und De-Motivation zu vermeiden. Schafft es die beworbene Technologie, die Lehrkraft dabei zu unterstützen, an der oben genannten hochgradig individuellen Motivationslage des einzelnen Schülers anzuknüpfen, dann lässt sich wohl annehmen, dass diese Technologie auch besser lernwirksam sein wird als andere, die dies weniger gut erfüllen. Wenn eine Technologie diese Voraussetzung erfüllt, dann kommt sie meinen Vorstellungen nahe. Motivation verstanden als „mehr Spass an Unterricht“ alleine genügt mir nicht.

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Bares Geld für bessere Schüler? – Eine Antwort

Posted by sjgriebel - 7. April 2010

Das Handelsblatt lese ich eher selten. Doch interessanterweise fand ich gerade dort am 26.3.2010 einen bildungspolitischen Beitrag mit dem Titel „Bares Geld für bessere Schüler“. In dem Beitrag werden Untersuchungen zusammengefasst und es kommen Experten zu Wort, die sich der Frage widmen, ob oder inwieweit monetäre Anreize für Schüler oder Lehrer deren Leistungen verbessern helfen können. In einer der genannten Studien wurden Lehrer für das gute Abschneiden ihrer Schüler in einer unabhängigen Vergleichsprüfung belohnt, in einer anderen Studie bekamen die Schüler das Geld.

Bonussysteme können sicherlich ein Mittel sein, Leistungsbereitschaft und Leistungswillen zu fördern und damit tatsächlich Leistungen zu steigern. Doch ob dies für Schule ein taugliches Mittel ist, halte ich für fraglich:

Es stellt sich die allgemeine Frage nach der testtheoretischen Güte des Verfahrens, also der Objektivität (Ist die Untersuchung objektiv?), Reliabilität (Wird das Merkmal zuverlässig gemessen?) und Validität (Misst das Verfahren das gewünschte Merkmal?). Einverstanden, möchte man diese Kriterien tatsächlich in aller Schärfe anlegen, dann würde man es wohl etwas übertreiben. Es ist weithin üblich, dass der nächste Karriereschritt gegangen und der variable Gehaltsbestandteil ausbezahlt wird, auch wenn die Gütekriterien nicht perfekt erfüllt werden und dass ohne Aufschrei allenthalben.

Lassen wir dieses theoriebasierte Argument beiseite und stellen inhaltliche Fragen:

Es ist menschlich, sich opportunistisch zu verhalten. Misst man den Grad der Erfüllung einer bestimmten Größe und belohnt hohe Erfüllungsquoten, so wird der Belohnte im Regelfall alles unternehmen, um seine Belohnung zu maximieren. Die induzierten Verhaltensweisen können sehr vielfältig sein, auf alle Fälle werden sie auf eine Maximierung des finanziellen Ergebnisses hin optimiert sein. Entspricht dies unserem Bild von Schule? Was wird aus dem lebendigen Schulleben und der Schulfamilie? Was wird aus dem umfassenden Bildungsauftrag der Schule, der weit über das in standardisierten Prüfungen abrufbare hinausgeht? Es stellt sich also die Frage, ob die Nebenwirkungen mit der gewünschten Wirkung in einem akzeptablen Verhältnis stehen.

Letztlich sollte man auf einen Vorschlag aus der Finanzwelt mit Argumenten in der Sprache und Logik dieser Welt antworten:

  • Finanzielle Anreize sind materielle Verstärker. In der Lernpsychologie wird von dem Einsatz von materiellen Verstärkern abgeraten, da sie nicht langfristig tragen, sondern sie sich in ihrer Wirksamkeit abnutzen. Man muss also entweder einen immer höheren Anreiz bieten oder akzeptieren, dass ein Ausbleiben des Anreizes einen Rückfall in die Zeit vor Einführung des Systems zur Folge hat.
  • Stimmt die Kosten-Nutzen-Analyse? Und wie schneidet diese Maßnahme im Vergleich zu anderen denkbaren Maßnahmen ab? Angenommen man würde akzeptieren, dass das Abschneiden in einem standardisierten Test, z.B. der Abiturprüfung, ein hinreichendes Maß für den Erfolg oder Misserfolg einer Lehrkraft ist, dann sollte doch bitteschön die Maßnahme ergriffen werden, die den höchsten Zugewinn erwarten lässt.

Auf dem Basar der Möglichkeiten scheinen die vorgeschlagenen, drastischen finanziellen Anreize für Schüler oder Lehrer ein Neuzugang zu sein. Sie stehen jedoch in Konkurrenz zu anderen Optionen und sind entsprechend hinsichtlich ihrer gewünschten Wirkungen wie unerwünschten Nebenwirkungen zu bewerten.

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Ist Idealismus in der Schule überhaupt noch sinnvoll?

Posted by sjgriebel - 24. Oktober 2009

In meinen Blogs Hab Mut, Profi zu sein (17.09.09) und Warum sich Lehrer zuvorderst selbst aus den Sumpf ziehen sollten (03.10.09) habe ich beschrieben, dass sich Lehrer professionalisieren müssen, um ernst genommen zu werden, und dass der Anstoß dazu in erster Linie von ihnen selbst kommen muss. Mit Kollegen aus Großbritannien und Schweden habe ich vor einigen Tagen genau zu dieser Frage gesprochen. Als gemeinsamen Nenner haben beide erklärt, dass die zunehmende Professionalisierung in ihren Ländern hauptsächlich von den jung einsteigenden Lehrern getrieben wird. Für diese stellt sich die Frage nach der Berufswahl anders, als sie sich für die, sagen wir mal im letzten Dienstdrittel stehenden Lehrer seinerzeit gestellt hat. Es geht weniger um die Berufung zum Lehramt, es geht um eine nüchterne Aufwand-Nutzen-Risiko-Rechnung.

Die heute Junglehrergeneration ist von ganz anderen Erfahrungen geprägt als es die Generationen vor ihnen waren. Prägend hinsichtlich der Arbeitswelt scheint unter anderem zu sein, dass Unternehmen heute weniger loyal zu ihren Mitarbeitern stehen, in Guten wie in schlechten Zeiten, so wie sie es in früheren Zeiten anscheinend getan haben. Mit anderen Worten: egal wie persönlich engagiert ich mich einbringe, ob ich je krank war oder nicht, das alles zählt wenig, wenn die Entlassungswelle durch’s Unternehmen läuft. Warum sollte ich also mehr Idealismus zeigen als nötig? Wenn der Shareholder seinen regelmäßigen Profit einfordert, dann bekommt er ihn, aber auch nicht einen Deut mehr. In einer simplen Aufwand-Nutzen-Risiko-Analyse kommt der Lehrerberuf nicht schlecht weg. Nach gängiger Meinung hat man als Lehrer nach einer gewissen Einarbeitungszeit im Großen und Ganzen einen erträglichen Job auch dank ausreichend viel Ferien und akzeptabler Bezahlung. Warum also nicht Lehrer werden?

Oder gehört zum Lehrerberuf doch ein gehöriges Maß an Idealismus? So sehr ich mich über jeden Lehrer und jede Lehrerin freue, die ihre Aufgabe als Berufung begreifen und nicht lediglich als Job, so wenig halte ich diesen Idealismus für zwingend erforderlich. Für mich ist es in erster Linie wichtig, dass unsere Lehrkräfte Freude an ihrer Arbeit haben, gleich aus welchen Motiven heraus. Nur wenn sie selbst Freude empfinden, kann guter Unterricht gelingen. Guter Unterricht in diesem Sinne ist einer, den unsere Kinder gerne besuchen und von dem sie etwas mitnehmen, fachlich und menschlich.

Im System Schule wird Idealismus zukünftig übrigens zunehmend weniger honoriert. Die bundesweite Einführung von Vergleichsarbeiten und Zentralabitur hat zur Folge, dass es in wachsendem Maße darauf ankommt, was hinten herauskommt; sprich: wie die anvertrauten Schüler, man selbst, seine Schule, sein Bundesland gegen einen von außen gesetzten Vergleichsmaßstab abschneiden. Der Output gewinnt also gegenüber dem Input an Bedeutung. Vorausgesetzt man findet Konsens hinsichtlich des gewünschten Outputs, muss ein solcher Ansatz gar nicht falsch sein. Stellt nicht genau dieser Output die Grundlage für das gesamte weitere Leben des jungen Menschen dar und wer will schon für eine mangelhafte Grudnlage eintreten?

In einem solchen Output-orientierten System wird Erfolg als Grad der Zielerfüllung verstanden und gemessen. Vermutlich liegt man richtig mit der Annahme, dass in einem solchen System der professionelle gegenüber dem berufenen Lehrer größere Erfolgsaussichten hat, da er seine Energie nicht auf das Hinterfragen der Motive hinter den Zielvorgaben aufwendet, sondern einfach liefert, was von ihm verlangt wird. Mit dem Wegfall der Mitsprache entfällt jedoch ein Korrektiv auf die weitere Entwicklung von Bildung. Entscheidungen über Bildung werden zunehmend von außerhalb der Schulen getroffen und von den Schulen lediglich exekutiert. Die Schule wir also verstärkt fremdbestimmt, was so nicht gewollt sein kann.

Fazit: Ein motivierter, professionell abgeklärter Lehrer ist für Schule ebenso wertvoll wie ein motivierter, idealistischer Lehrer. Beide haben ihre Bedeutung und ihren Stellenwert in dem und für das im System Schule. Eine einseitige Ausrichtung auf einen Typus und Bevorzugung desselben hätte fatale Folgen und muss daher vermieden werden. Ziel muss sein, ein Gleichgewicht zwischen den beiden genannten Lehrertypen herzustellen.

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Blogs von Mathelehrenden

Posted by sjgriebel - 17. Oktober 2009

Ich möchte gerne mit Eurer Hilfe eine Übersicht über die bloggenden Mathematiklehrerinnen und -lehrer, Mathedidaktikern und ähnliches zusammenstellen. Sicherlich kennt ihr ganz viele. Bitte ergänzt Eure Hinweise über die Kommentar-Option, schickt mir eine Mail (s-griebel(at)web.de) oder über Twitter eine Direct Message an @sjgriebel. Die gesammelten Ergebnisse werden hier laufend ergänzt.

Bislang gefunden (15.4.10)  und alphabetisch nach Vorname sortiert:

  • Andrea Schellmann, RMG Haßfurt, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe:  Gymnasium
  • Andreas Schuster, Fachleiter, Schweinfurt, Blog,  Twitter, Schulart/Schulstufe: Gymnasium
  • Christian Spannagel, PH Heidelberg, BlogTwitter, Schulart/Schulstufe:  Hochschule, Hauptschule
  • Claudia Kilian, Blog, Schulart/Schulstufe: SI und SII
  • Dieter Klaudt, Blog, Schulart/Schulstufe:  Grundschule (letzter Blog von 2007)
  • Esther Henschen, Blog, , Schulart/Schulstufe: Förderschule, Grundschule, Hauptschule
  • Ivo Schwalbe, Blog, Twitter
  • Jessica Peters, Blog, Twitter
  • Jörg Kantel, Blog
  • Jörg S., Heinrich-Hertz-Schule, Karlsruhe,  Twitter
  • Maria Eirich, RMG Haßfurt, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe:  Gymnasium
  • Markus Hagemann, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe:  SII
  • Miriam (Vogelwarte), Blog, Twitter,  Schulart/Schulstufe:  Grundschule
  • prabodh, Blog, Schulart/Schulstufe: gymnasiale Oberstufe, FOS
  • René Grothmann, Uni Eichstätt, Blog, Schulart/Schulstufe: Hochschule
  • Rolf Kröger, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe: Hochschule, Berufskolleg
  • Stephan Griebel, Texas Instruments, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe:  SI und SII
  • Susanne Schäfer, Blog, Schulart/Schulstufe:  Grundschule
  • Ulli Kortenkamp, PH Karlsruhe, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe: Hochschule

Bloggende Physiklehrende:

Bloggende Chemielehrende

Vielen Dank für die bereits eingegangenen Hinweise. Danke im Voraus für weitere Tipps, Anmerkungen, Wünsche  etc.

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Ein Orientierungsprinzip für einen allgemeinbildenden Mathematikunterricht

Posted by sjgriebel - 12. Oktober 2009

Das Allgemeinbildungskonzept von Roland Fischer (O.Prof. an der Uni Klagenfurt) beinhaltet als zentrales Element die Kommunikationsfähigkeit eines Menschen mit Experten und der Allgemeinheit. Während in der Expertenausbildung eher das operative Wissen und Können im Vordergrund stehen, spielen in der Allgemeinbildung das Grund- und Reflexionswissen die wichtigsten Elemente dar. Einen Menschen mit guter Allgemeinbildung zeichnet demnach aus, dass er mit Experten verschiedenster Fachgebiete verständig kommunizieren und damit deren Aussagen sachgerecht beurteilen kann. Außerdem kann er sich selbst einer Allgemeinheit verständlich mitteilen. Mathematisches Modellieren und Interpretieren zusammen mit mathematischem Kommunizieren haben damit Vorrang vor dem Berechnen irgendwelcher Größen.

Eine mangelnde mathematische Allgemeinbildung zeigt sich dann z.B. folgendermaßen:

  • übertriebene Präzision: Prozentangaben werden grundsätzlich mit zwei Nachkommastellen angegeben, obwohl ganzzahlige Prozentwerte schon mehr als ausreichend wären.
  • Fehleinschätzung von Verhältnissen: Absolut gleiche Abweichungen stechen bei kleinen Mengen verhältnismäßig stärker heraus als bei großen Mengen, doch sind diese kleinen Mengen und damit Abweichungen davon selbst mitunter bedeutungslos, wenn die große Menge nur hinreichend groß genug ist. Große Prozentwerte finden mehr Beachtung gleich wie groß die Grundgesamtheit ist. Ausreißer verdecken den Blick auf das große Ganze.
  • Lügen mit Statistik: Die zahlreichen Beispiele sind hinlänglich bekannt, dabei geht es noch nicht einmal um die schwierigen Fälle in denen Wahrscheinlichkeiten oder relative Häufigkeiten gekoppelt werden. Bereits das richtige Lesen eines Graphen ist häufig schon eine nicht mehr zu meisternde Schwierigkeit.
  • … (ergänzen Sie hier Ihre eigenen Beobachtungen) …

Nun werden jedoch alle Wissenschaften zunehmend mathematischer, in dem die verwendeten Begriffe schärfer definiert und Ursache-Wirkung- Zusammenhänge genauer verstanden werden. Die Kommunikation mit und von diesen Experten muss demnach verstärkt eine mathematische Allgemeinbildung integrieren. Für den Mathematikunterricht unserer Schulen bedeutet dies, die oben genannten allgemeinbildenden Komponenten in den Vordergrund zu stellen und die operativen Anteile auf ein Minimum zu reduzieren.

Wie kann dies gelingen? Man wird nicht umhin kommen, einen Paradigmenwechsel an den Schulen herbeizuführen:

  • Reduktion der konkreten Inhalte auf einen wesentlichen Kern
  • Stärkung des exemplarischen Lernens
  • Konsequente Nutzung von Medien um operatives Handeln verringern zu können

Ich verbinde mit diesem Paradigmenwechsel die Hoffnung, zu einem Mathematikunterricht zu gelangen, der eine wahrhaft mathematische Allgemeinbildung im Fischerschen Sinne erlaubt; einem Unterricht also, der Menschen befähigt, mit Experten und Laien gleichermaßen über Fragestellungen in einem mathematisierten Kontext sachgerecht zu kommunizieren.

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Warum Lehrer sich zuvorderst selbst aus dem Sumpf ziehen sollten

Posted by sjgriebel - 3. Oktober 2009

Der einzige Mensch, dessen Verhalten ich kontrollieren kann, bin ich selbst. Andere Menschen kann ich beeinflussen, kontrollieren kann ich sie nicht. Wenn ich also eine veränderte Schule möchte und davon überzeugt bin, dass es notwendig ist jeden Tag ein bisschen besser zu werden  dann muss ich bei mir selbst anfangen.

Viele Regularien im System Schule sind dem Anschein nach entwickelt worden, um schwarze Schafe daran zu hindern, weiter Unsinn zu treiben. Je mehr man jedoch von außen reguliert, desto weniger funktionieren die immanenten  korrigierenden Kräfte, schlicht weil sie nicht ständig trainiert werden. Wo man an anderer Stelle das klärende Gespräch gesucht hätte, schiebt man nun irgendeine Bestimmung vor oder ruft nach einer solchen. Nur um nachher zu beklagen, die Geistern, die man selbst rief, nicht mehr loszuwerden.

Wenn man aber an seiner persönlichen Verbesserung arbeitet, dann reflektiert man sein eigenes Tun und hält mit sich selbst Zwiesprache. Möchte man, dass sich jeder seiner Kollegen ebenso verbessert, dann wird man die Zwiesprache auf die Kollegen ausdehnen und damit Einfluss auf ihr Verhalten nehmen.

Veränderung beginnt für mich daher in erster Linie bei mir selbst. Dies ist der Bereich, den ich kontrolliere. Die Entscheidung, etwas zu tun oder nicht zu tun, liegt einzig bei. Wenn ich nicht länger fremdbestimmt leben möchte, dann darf ich nicht länger die äußeren Umstände für mein Schicksal verantwortlich machen, sondern muss mich der Verantwortung vor mir selbst stellen. Damit dehne ich nach und nach den von mir selbst bestimmten Bereich aus.

Danach oder auch parallel dazu, aber eben nicht ausschließlich, wirke ich dann auf mein Umfeld ein. Ich versuche eine gemeinsame Vision zu entwickeln und anderen Mut zu machen, nicht länger resigniert den Kopf in den Sand zu stecken, sondern Veränderung aktiv herbeizuführen. Damit ergibt sich ein Art Domino-Effekt und meine Einflusssphäre vergrößert sich.

Damit lässt sich mein Wunsch an unsere Lehrkräfte wie folgt zusammenfassen:

  • auf seine eigenen Stärken vertrauend an seiner eigenen Veränderung arbeiten
  • darauf aufbauend auf sein Umfeld einwirken damit der Wunsch nach Veränderung weite Kreise zieht.

Literatur: Stephen R. Covey: The 7 Habits of Highly Effective People: Powerful Lessons in Personal Change

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