Stephan Griebel

Einsichten, Aussichten und anderes

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Bares Geld für bessere Schüler? – Eine Antwort

Posted by sjgriebel - 7. April 2010

Das Handelsblatt lese ich eher selten. Doch interessanterweise fand ich gerade dort am 26.3.2010 einen bildungspolitischen Beitrag mit dem Titel „Bares Geld für bessere Schüler“. In dem Beitrag werden Untersuchungen zusammengefasst und es kommen Experten zu Wort, die sich der Frage widmen, ob oder inwieweit monetäre Anreize für Schüler oder Lehrer deren Leistungen verbessern helfen können. In einer der genannten Studien wurden Lehrer für das gute Abschneiden ihrer Schüler in einer unabhängigen Vergleichsprüfung belohnt, in einer anderen Studie bekamen die Schüler das Geld.

Bonussysteme können sicherlich ein Mittel sein, Leistungsbereitschaft und Leistungswillen zu fördern und damit tatsächlich Leistungen zu steigern. Doch ob dies für Schule ein taugliches Mittel ist, halte ich für fraglich:

Es stellt sich die allgemeine Frage nach der testtheoretischen Güte des Verfahrens, also der Objektivität (Ist die Untersuchung objektiv?), Reliabilität (Wird das Merkmal zuverlässig gemessen?) und Validität (Misst das Verfahren das gewünschte Merkmal?). Einverstanden, möchte man diese Kriterien tatsächlich in aller Schärfe anlegen, dann würde man es wohl etwas übertreiben. Es ist weithin üblich, dass der nächste Karriereschritt gegangen und der variable Gehaltsbestandteil ausbezahlt wird, auch wenn die Gütekriterien nicht perfekt erfüllt werden und dass ohne Aufschrei allenthalben.

Lassen wir dieses theoriebasierte Argument beiseite und stellen inhaltliche Fragen:

Es ist menschlich, sich opportunistisch zu verhalten. Misst man den Grad der Erfüllung einer bestimmten Größe und belohnt hohe Erfüllungsquoten, so wird der Belohnte im Regelfall alles unternehmen, um seine Belohnung zu maximieren. Die induzierten Verhaltensweisen können sehr vielfältig sein, auf alle Fälle werden sie auf eine Maximierung des finanziellen Ergebnisses hin optimiert sein. Entspricht dies unserem Bild von Schule? Was wird aus dem lebendigen Schulleben und der Schulfamilie? Was wird aus dem umfassenden Bildungsauftrag der Schule, der weit über das in standardisierten Prüfungen abrufbare hinausgeht? Es stellt sich also die Frage, ob die Nebenwirkungen mit der gewünschten Wirkung in einem akzeptablen Verhältnis stehen.

Letztlich sollte man auf einen Vorschlag aus der Finanzwelt mit Argumenten in der Sprache und Logik dieser Welt antworten:

  • Finanzielle Anreize sind materielle Verstärker. In der Lernpsychologie wird von dem Einsatz von materiellen Verstärkern abgeraten, da sie nicht langfristig tragen, sondern sie sich in ihrer Wirksamkeit abnutzen. Man muss also entweder einen immer höheren Anreiz bieten oder akzeptieren, dass ein Ausbleiben des Anreizes einen Rückfall in die Zeit vor Einführung des Systems zur Folge hat.
  • Stimmt die Kosten-Nutzen-Analyse? Und wie schneidet diese Maßnahme im Vergleich zu anderen denkbaren Maßnahmen ab? Angenommen man würde akzeptieren, dass das Abschneiden in einem standardisierten Test, z.B. der Abiturprüfung, ein hinreichendes Maß für den Erfolg oder Misserfolg einer Lehrkraft ist, dann sollte doch bitteschön die Maßnahme ergriffen werden, die den höchsten Zugewinn erwarten lässt.

Auf dem Basar der Möglichkeiten scheinen die vorgeschlagenen, drastischen finanziellen Anreize für Schüler oder Lehrer ein Neuzugang zu sein. Sie stehen jedoch in Konkurrenz zu anderen Optionen und sind entsprechend hinsichtlich ihrer gewünschten Wirkungen wie unerwünschten Nebenwirkungen zu bewerten.

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Ist Idealismus in der Schule überhaupt noch sinnvoll?

Posted by sjgriebel - 24. Oktober 2009

In meinen Blogs Hab Mut, Profi zu sein (17.09.09) und Warum sich Lehrer zuvorderst selbst aus den Sumpf ziehen sollten (03.10.09) habe ich beschrieben, dass sich Lehrer professionalisieren müssen, um ernst genommen zu werden, und dass der Anstoß dazu in erster Linie von ihnen selbst kommen muss. Mit Kollegen aus Großbritannien und Schweden habe ich vor einigen Tagen genau zu dieser Frage gesprochen. Als gemeinsamen Nenner haben beide erklärt, dass die zunehmende Professionalisierung in ihren Ländern hauptsächlich von den jung einsteigenden Lehrern getrieben wird. Für diese stellt sich die Frage nach der Berufswahl anders, als sie sich für die, sagen wir mal im letzten Dienstdrittel stehenden Lehrer seinerzeit gestellt hat. Es geht weniger um die Berufung zum Lehramt, es geht um eine nüchterne Aufwand-Nutzen-Risiko-Rechnung.

Die heute Junglehrergeneration ist von ganz anderen Erfahrungen geprägt als es die Generationen vor ihnen waren. Prägend hinsichtlich der Arbeitswelt scheint unter anderem zu sein, dass Unternehmen heute weniger loyal zu ihren Mitarbeitern stehen, in Guten wie in schlechten Zeiten, so wie sie es in früheren Zeiten anscheinend getan haben. Mit anderen Worten: egal wie persönlich engagiert ich mich einbringe, ob ich je krank war oder nicht, das alles zählt wenig, wenn die Entlassungswelle durch’s Unternehmen läuft. Warum sollte ich also mehr Idealismus zeigen als nötig? Wenn der Shareholder seinen regelmäßigen Profit einfordert, dann bekommt er ihn, aber auch nicht einen Deut mehr. In einer simplen Aufwand-Nutzen-Risiko-Analyse kommt der Lehrerberuf nicht schlecht weg. Nach gängiger Meinung hat man als Lehrer nach einer gewissen Einarbeitungszeit im Großen und Ganzen einen erträglichen Job auch dank ausreichend viel Ferien und akzeptabler Bezahlung. Warum also nicht Lehrer werden?

Oder gehört zum Lehrerberuf doch ein gehöriges Maß an Idealismus? So sehr ich mich über jeden Lehrer und jede Lehrerin freue, die ihre Aufgabe als Berufung begreifen und nicht lediglich als Job, so wenig halte ich diesen Idealismus für zwingend erforderlich. Für mich ist es in erster Linie wichtig, dass unsere Lehrkräfte Freude an ihrer Arbeit haben, gleich aus welchen Motiven heraus. Nur wenn sie selbst Freude empfinden, kann guter Unterricht gelingen. Guter Unterricht in diesem Sinne ist einer, den unsere Kinder gerne besuchen und von dem sie etwas mitnehmen, fachlich und menschlich.

Im System Schule wird Idealismus zukünftig übrigens zunehmend weniger honoriert. Die bundesweite Einführung von Vergleichsarbeiten und Zentralabitur hat zur Folge, dass es in wachsendem Maße darauf ankommt, was hinten herauskommt; sprich: wie die anvertrauten Schüler, man selbst, seine Schule, sein Bundesland gegen einen von außen gesetzten Vergleichsmaßstab abschneiden. Der Output gewinnt also gegenüber dem Input an Bedeutung. Vorausgesetzt man findet Konsens hinsichtlich des gewünschten Outputs, muss ein solcher Ansatz gar nicht falsch sein. Stellt nicht genau dieser Output die Grundlage für das gesamte weitere Leben des jungen Menschen dar und wer will schon für eine mangelhafte Grudnlage eintreten?

In einem solchen Output-orientierten System wird Erfolg als Grad der Zielerfüllung verstanden und gemessen. Vermutlich liegt man richtig mit der Annahme, dass in einem solchen System der professionelle gegenüber dem berufenen Lehrer größere Erfolgsaussichten hat, da er seine Energie nicht auf das Hinterfragen der Motive hinter den Zielvorgaben aufwendet, sondern einfach liefert, was von ihm verlangt wird. Mit dem Wegfall der Mitsprache entfällt jedoch ein Korrektiv auf die weitere Entwicklung von Bildung. Entscheidungen über Bildung werden zunehmend von außerhalb der Schulen getroffen und von den Schulen lediglich exekutiert. Die Schule wir also verstärkt fremdbestimmt, was so nicht gewollt sein kann.

Fazit: Ein motivierter, professionell abgeklärter Lehrer ist für Schule ebenso wertvoll wie ein motivierter, idealistischer Lehrer. Beide haben ihre Bedeutung und ihren Stellenwert in dem und für das im System Schule. Eine einseitige Ausrichtung auf einen Typus und Bevorzugung desselben hätte fatale Folgen und muss daher vermieden werden. Ziel muss sein, ein Gleichgewicht zwischen den beiden genannten Lehrertypen herzustellen.

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