Stephan Griebel

Einsichten, Aussichten und anderes

Posts Tagged ‘Schule’

Drei Schwächen im deutschen Bildungssystem

Posted by sjgriebel - 21. Juli 2014

Meine berufliche Tätigkeit ermöglicht es mir, Einblick in die Bildungssysteme vieler anderer Länder zu bekommen. Dazu zählen die vergleichsweise wohlhabenden Länder West-, Zentral- und Nordeuropas, unsere süd- und osteuropäischen Nachbarländer aber auch mehrere Länder des Nahen Ostens. Im Vergleich mit vielen dieser Länder muss bei uns vieles ziemlich gut laufen, sonst ginge es uns nicht so gut und wir würden nicht so beneidet. Andererseits könnten wir meiner Meinung nach noch viel besser sein, wenn wir folgende drei grundlegende Schwächen unseres Systems angehen würden. Diese sind in meinen Augen:

1) Dürftige finanzielle Ausstattung

2) Ständiges Herumbasteln an den äußeren Strukturen

3) Selbstverständnis der Lehrerinnen und Lehrer und Wertschätzung des Lehrberufes in der Öffentlichkeit

 

@1)  Dürftige finanzielle Ausstattung:

Laut Eurostat lagen die Bildungsausgaben in Deutschland 2011 bei 4.98% des BIP, der EU Durchschnitt bei 5.25%. Das Geld nicht alles ist, sieht man an Schweden. Die Bildungsausgaben sind mit 6.82% fast zwei Prozentpunkte höher als bei uns, gleichwohl ist man dort mit seinem System gar nicht zufrieden. Andererseits halte ich die Diskussion über unsanierte Schultoiletten für beschämend, die Begründungen für die Schulschließungen in ländlichen Gebieten für demütigend und den jährlich wiederkehrenden Kampf um Lehrerstellen für haarsträubend.

@2) Ständiges Herumbasteln an den äußeren Strukturen:

In keinem anderen mir bekannten Land wird so heftig über äußere Schulstrukturen diskutiert wie in Deutschland. Ständig werden neue Schulformen erfunden, in der Hoffnung und Erwartung, dass sich dann schon alles zum Besseren wenden wird. Und wenn nicht, auch egal, dann erfinden wir halt was Neues.

Nehmen wir zum Beispiel die Schulformen der Sekundarstufe 1: Sind die Unterschiede zwischen Hauptschule, Realschule, Regionalschule, Regelschule, Sekundarschule, Mittelschule, Oberschule, Realschule plus, Erweiterte Realschule, Gesamtschule und Gymnasium in der Sek1 wirklich so groß, dass man dafür 11 Schulformen benötigt? Dabei sind die verschiedenen Zweige oder sonstiges noch gar nicht berücksichtigt! Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Was hier an Zeit, Geld und Energie verbrannt wird? Wo könnten wir stehen, wenn wir uns nur endlich mal auf ein Modell einigen könnten.

@3) Selbstverständnis der Lehrerinnen und Lehrer und Wertschätzung des Lehrberufes in der Öffentlichkeit:

In noch keinem anderen Land ist mir ein Spruch entgegengeschlagen wie „Ich bin ja nur Lehrer.“ Woher kommt dieses Sich-klein-machen nur her? Laut Allensbach Studie von 2013  ist Lehrer einer der angesehensten Berufe in Deutschland. Kein Arzt oder Handwerker stellt sein Licht derart unter den Scheffel: „Asche auf mein Haupt. Ich bin ja nur xyz.“ Der bescheidene Auftritt ehrt unsere Lehrerinnen und Lehrer, doch während andere lediglich ihren Jobs nachgehen, haben Lehrerinnen und Lehrer die Möglichkeit, ihren Beruf (Berufung!) zu leben. Tut dies und strahlt dies auch aus.

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Burnout – Sind Mathematiker mehr betroffen als andere?

Posted by sjgriebel - 15. Januar 2012

Im Schwamm drüber!-Blog Übergangsprognosen wird als Quelle ein Beitrag des Bayerischen Staatsanzeiger genannt. Gezeigt wird dort eine Lehrerin, die sich entnervt an die Tafel lehnt: vollgeschrieben mit …? – mit mathematischen Berechnungen natürlich. In der ganzen Burnout Diskussion bin ich noch nicht darauf gestoßen, dass die Mathematiklehrkräfte besonders betroffen seien. Gibt es dazu Erhebungen? Sind also bestimmte Schularten oder Fächerkombinationen mehr betroffen als andere?

Die gleiche Frage stellt sich bei den Sitzenbleibern. Auch hier drängt sich der Eindruck aus, dass im Zweifelsfall ein Bild mit mathematischen Kontext die Negativmeldung am besten unterstreicht. Sind an irgendeiner Stelle Korrelationen bezüglich Unterrichtsfach und Wahrscheinlichkeit des Sitzenbleibens erfasst worden?

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Wieder einmal trifft es die Mathematik …

Posted by sjgriebel - 14. Januar 2012

… um die Schwierigkeiten der Schüler an unseren Schulen zu illustrieren:

Mathematikunterricht mittels Fernseher

Mathematikunterricht mittels Fernseher

Quelle: rtv 1/2012

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Von Nichtschwimmern – oder: Wohin führt uns der Tablet Hype?

Posted by sjgriebel - 18. November 2011

Die DLRG stellt gemeinsam mit Emnid in einer Umfrage fest, dass die Anzahl der Nichtschwimmer unter den Kindern offenbar zunimmt. Dies hat mich verwundert, wo die allenthalben verbreiteten Spassbäder doch eigentlich viel mehr Familien ins Schwimmbad locken müßten, als es die früheren Sportbäder je konnten.  Vielleicht tun sie es ja auch, doch schwimmen, nein schwimmen tut man dort nicht. Man geht zwar gerne in die Spassbäder (= gestiegene Motivation) und bewegt sich mit großer Freude im Wasser (= hoher Grad an Aktivität) und das auch mit anderen (=sozial). Nur mit dem Schwimmen, ja, da ist das so eine Sache…

Früher gab es keine Spassbäder, sondern nur richtige Schwimmbäder. Die waren zwar langweilig, aber man schwamm. Was hätte man dort auch sonst machen sollen? Kaltes Wasser läßt sich schwimmend leichter aushalten. Und ausserdem waren die Becken so tief, dass alleine dies bereits zu Schwimmbewegungen anregte. Und so kam, was kommen musste, man lernte schwimmen.

Aktuell plagt mich die Frage, ob dies eine passende Analogie zum gegenwärtigen Tablet-Hype ist.  Man planscht sich hyperaktiv durch immer neue Apps. Man ist super motiviert, weil’s richtig Spass macht. Und, weil’s alle gemeinsam und zusammen machen, ist’s auch noch total sozial. Nur mit dem Lernen, ja, da ist das so eine Sache…

Genügt die eine App, wo doch die nächste noch viele coolere nur ein paar Klicks entfernt ist? So wie die Spassbäder immer einen neuen Kick bieten müssen, um bestehen zu können. Lernerfolg egal; Spass muss sein, sonst geht die Motivation in den Keller. Bei Nirvana hiess es „Entertain us“. Schule also als große Entertainment Show? Ist es das, worauf wir zusteuern? Wohin führt uns der Tablet-Hype?

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Wo das Experiment endet und die Innovation beginnt

Posted by sjgriebel - 13. April 2010

CSpannagel hat als auf Antwort auf meinen Kommentar zu seinem Blog Hey, hey Wiki! Hey, wiki, hey! zu recht festgestellt, dass die Frage, welche Medien einen Kompetenzzuwachs bei Schülerinnen und Schülern besser fördern, eindimensional interpretiert zu kurz greift, sondern man stattdessen vielschichtige wechselseitige Abhängigkeiten in Unterricht und Schule beachten muß, bevor man zu einem sinnvollen Urteil gelangen kann.

Es ist völlig klar, dass ein Medium alleine noch wenig bewirkt, sondern dass es auf das günstige Zusammenspiel vieler Faktoren ankommt (Wer?, Wie?, Was?, Wann?, Womit?, Wozu?…) Ein Medium kann ein Katalysator sein, muss es aber nicht. Eine Analogie: Einfach ein Stück Platin in eine Chemikaliensuppe zu halten genügt nicht, es müssen die richtigen Chemikalien sein, Druck und Temperatur muss stimmen und auch das Platin muss in einer bestimmten Form vorliegen. Erst wenn alles innerhalb gewisser Bandbreiten vorliegt, kann das Werk gelingen.

Mich treibt die Frage um, welches Medium (verstanden als Katalysator in einem umfassenden Prozess) eine höhere Lernwirkamkeit hervorruft als ein anderes. Könnten wir diese Frage beantworten, so könnten wir klare Handlungsempfehlungen ausprechen – an Kollegen, Lehrplankommissionen, Gesellschaft und Politik. Die Kraft der Argumente würde Zweifler überzeugen helfen und einen Durchbruch bewirken.

Ist dies leistbar? Kann es ein System geben, dass alle Interdependenzen widerspiegelt? In der Absolutheit „alle“ geht dies natürlich nicht, denn dafür ist „alle“ einfach zu umfassend. Die Anzahl der Abhängigkeiten zwischen den Variablen wächst exponentiell mit der Anzahl der Variablen, vielleicht noch stärker.

Dennoch halte ich es für notwendig, dass man an die Phase des freien Experimentierens, in der nur wenige Variable kontrolliert werden, eine Phase des Zusammentragens und Konsolidierens anschließt, um zu belastbaren Aussagen zu dem Zusammenspiel vieler Variablen zu gelangen. Wünschenswert wäre hierbei, die beiden Phasen so ineinander zu verschränken, dass die Zeiträume zwischen Ideeentwicklung und breiter Umsetzung nicht allzuweit auseinander liegen.

Das freie, ungestüme, naive (hier: nicht die Konsequenzen fürchtend) und amateurhafte (hier: amare = lieben, die Freude und Lust am Unbekannten) Experimentieren ist eine zwingend notwendige Voraussetzung, um neue Wege zu beschreiten. Aus dem blossen Experiment wird eine echte Innovation in dem Moment, in dem Andere (die Furchtsamen und das Vertraute Suchenden) diesen Weg ebenfalls beschreiten können. Nachdem die erste Welle der Entdecker wilde Pfade in den Urwald gehauen hat, braucht es eine zweite Welle von Landentwicklern, die die zielführendsten Pfade auswählen, zu befestigten Wegen ausbauen, samt Leitplanken, Sicherungsseilen und Warnschildern.

Die wahre Herausforderung bzgl.  der Integration elektronischer Medien im Unterricht ist in meinen Augen daher nicht, immer neue Technologien auszuprobieren . Dies ist Aufgabe der Experimentatoren. Die wahre Aufgabe haben die Innovatoren zu leisten, nämlich in der Menge der Experimentalergebnisse Muster zu erkennen, die anderen zum Handlungsleitfaden werden können.

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Single-Purpose oder General-Purpose? – Zukunft der Technologie im Klassenzimmer

Posted by sjgriebel - 9. April 2010

Vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit mich mit Lehrerinnen und Lehren über ihre Hoffnungen und Erwartungen bzgl. elektronischer Medien im Unterricht auszutauschen. Neben vielen anderen Dingen kamen wir auch auf die Frage zu sprechen, ob die Zukunft der elektronischen Medien im Unterricht eher den Single-Purpose oder den General-Purpose-Geräten gehört. Oder mit anderen Worten, ob die Schüler zukünftig für jedes Fach oder Fächergruppen ein eigenes elektronisches Helferlein besitzen werden oder ob es ein Gerät sein wird, welches sich in allen Fächern gleichermaßen gut benutzen lässt. Ob es also auf mehrere auf bestimmte Fachgebiete oder Einsatzszenarien optimierte Medien hinauslaufen wird oder ob wir eines Tages eher mit dem einen universellen Medium im Unterricht arbeiten werden.

Meine Überzeugung ist, dass es auf einen ganzen Strauß von Werkzeugen hinauslaufen wird, für jeden Zweck und für jeden Geschmack das passende Gerät. Warum?

Beispiel 1 – Fahrrad: Möchte man von A nach B radeln, wird der eine ein Mountainbike bevorzugen während der Zweite sein Tourenrad nimmt und der Dritte mit dem Rennrad kommt. Natürlich kann ich mit einem Mountainbike oder Rennrad auch in der Stadt radeln, doch wirklich geeignet ist es nicht, denn wo soll ich denn nun die Einkaufstaschen hinhängen? Umgekehrt werde ich in den Bergen mit dem Citybike nicht dasselbe Fahrvergnügen erleben. Grund: Das Werkzeug muss der Situation angemessen sein.

Beispiel 2 – Mikrowelle: Mit modernen Mikrowellen kann man Speisen nicht einfach nur auftauen oder erwärmen, sondern auch grillen und backen. Nur kenne ich kaum jemanden, der seine Mikrowelle auch tatsächlich so nutzt. Genutzt wird in der Regel nur die schlichte Funktion des Auftauens und Erwärmens, meist mit der immer gleichen Leistungszahl. Für die anderen Funktionen nimmt man eine Bratpfanne oder eine Backröhre. Grund: Obwohl es ganz einfach wäre, bleibt man lieber beim Vertrauten.

Beispiel 3 – Gartengeräte mit verschiedenen Vorsätzen: Die Idee bei diesen Werkzeugen ist, dass man durch Austauschen verschiedener Vorsätzen aus einem Rechen im Handumdrehen einen Sauzahn, Besen oder anderes macht. Klingt prima, macht bloß kaum jemand. Grund: Das Umbauen kostet mehr Nerv als der Gang zurück zum Gartenschuppen.

Ich kann nicht einsehen, warum dies im Bereich der elektronischen Medien wirklich anders sein soll:

Konvergenz bei gleichzeitiger Divergenz: Auf der einen Seite beobachten wir eine starke Konvergenz. Mit einem Mobiltelefon kann man heute selbstverständlich auch fotografieren oder tausend andere Dinge tun. Gleichzeitig stellen wir in gleichem Maße Divergenz fest: Notebooks, Netbooks, Smartphones, eBooks etc in verschiedensten Formen und Varianten mit vielen überlappenden Funktionen aber ebenso speziellen und einzigartigen Ausprägungen.

Spezielle Endgeräte im beruflichen Umfeld: In zunehmenden Maße halten in Gastronomiebetrieben elektronische Geräte zur Bestellaufnahme und Rechnungserstellung Einzug. Die Paketannahme quittiert man per Unterschrift auf einem elektronischen Lesegerät und auch der Fahrkartenkontrolleur der Bahn greift zu seinem elektronischen Wunderkasten.

Spielecomputer oder Computer mit Spielen: Natürlich kann ich auch mit einem regulären PC Spiele spielen oder mit einer Spielekonsole mehr tun als nur zu spielen, doch im Zweifelsfall findet man im Haushalt noch eine weitere Maschine, denn eine weniger.

Ich denke, ich konnte zeigen, dass diese Sammlung von Bespielen sich sowohl im Bereich der klassischen Werkzeuge als auch der elektronischen jetzt bereits umfassend ist und sich darüber hinaus beliebig fortsetzen liesse. Ich bin mir der Konsequenzen für Schule durchaus bewusst, doch bin ich aus den genannten Gründen und wegen der langen Reihe von Beispielen überzeugt, dass man sich vom Traum eines universellen Unterrichtswerkzeuges verabschieden sollte. Stattdessen sollte man sich mit genauso viel Engagement und Leidenschaft der Weiterentwicklung fachspezifischer und fachoptimierter Werkzeuge widmen.

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Die Frage nach der Lernwirksamkeit

Posted by sjgriebel - 5. März 2010

Computer im Unterricht – ein Thema so alt wie die Computer selbst. Da muss es doch verwundern, weswegen sich dieses Thema nicht schon lange erledigt hat, sondern weswegen immer noch darum gestritten wird. In meinem letzten Beitrag schrieb ich davon, dass sprachliche Abrüstung auf beiden Seiten ein erster, notwendiger Schritt sein muss, damit sich die gegensätzlichen Positionen einander annähern können. (Woran die Diskussion über Computer im Unterricht krankt, vom 22.2.10) Natürlich ist es aber mit neuen Sprachformen alleine nicht getan. Wesentlich wird sein, dass Sprache und Taten miteinander übereinstimmen. Dies betrifft z.B. die Konzeption und Durchführung von Pilotprojekten.

Werden Projekte in Vorträgen oder Workshops vorgestellt oder liest man etwas darüber, so geht es im Regelfall um die Chancen, die man sich von dem Einsatz der einen oder anderen Technologie verspricht. Oder es geht um das Gegenteil, nämlich eine Herausarbeitung der Risiken. Die Ergebnisvorstellungen sind im Vergleich zu den Ankündigungen meist viel bescheidener, schließlich hat sich weder das Gute noch das Schlechte als so deutlich herausgestellt wie erhofft. Nun ist es aber mit dem eigenen Ego meist nur schwer zu vereinbaren, festzustellen und zugeben zu müssen, dass die viele Zeit und Energie und vielleicht auch Geld, zu großen Teilen nicht gebracht hat. Zu guter Letzt wird das Nicht-Einstellen von Verschlechterung als Erfolg gefeiert oder die Versagensursachen auf Dritte oder äußere, leider nicht-kontrollierbare Einflüsse geschoben.

So z.B. im vergangenen Jahr als in Frankreich ein 45 Millionen Euro teures Notebookprojekt für gescheitert erklärt worden, weil – salopp formuliert – die Lehrer nicht willens waren und die Schüler sowieso nur den ganzen Tag mit den Rechnern gespielt haben. Leider war in den mir zugänglichen Veröffentlichungen nichts zu erfahren, was man denn in Folgeprojekten anders machen möchte, was gelernt wurde, worauf andere achten sollen.

Ich kenne die Hintergründe des genannten Projektes nicht vollständig, doch kann man sich gut vorstellen, wie es gelaufen ist: jemand wollte sich profilieren und hat dafür ganz viel Geld locker gemacht. Damit alle mitspielen mussten die Erwartungen entsprechend hochgeschraubt werden. Da hochgeschraubte Erwartungen aber fast nie eintreffen, war das Versagen absehbar. Mein Tipp: Von Anfang die Frage nach möglichen Versagensgründen mit vorsehen. Somit erhält man an Ende sowohl eine Bestätigung seiner Erwartungen und seiner Befürchtungen – beides zumindest bis zu dem Grad des tatsächlichen Eintretens. Damit hat man definitiv mehr vorzuweisen, als wenn man den zweiten Teil, den mit den Risiken und Gefahren auszublenden versucht.

Was hat dies mit Computern im Unterricht zu tun? Eine ganze Menge, denn aufgrund der raschen technologischen Entwicklung sind gerade technologienahe Projekte gefährdet, die Chancen des jeweils neuen in den Mittelpunkt der Untersuchungen zu stellen, vielleicht nicht zuletzt aus dem Glauben heraus, dass sich die möglicherweise auftretenden Probleme mit der nächsten Technologiegeneration behoben sein werden. Für die technischen Probleme gilt dies mit großer Wahrscheinlichkeit, aber ist dies die entscheidende Frage? Ist nicht die viel wichtigere, die nach der Lernwirksamkeit, welchen Beitrag eine bestimmte Technologie oder Technologie im Allgemeinen zum Lernfortschritt leistet. Um diese Frage wirklich beantworten zu können, ist es notwendig, sowohl das Mögliche als auch die Grenzen aufzuzeigen. Und dies geht dann am besten, wenn von Beginn an diese beiden Seiten derselben Medaille gleichzeitig beleuchtet werden.

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Woran die Diskussion über Computer im Unterricht krankt

Posted by sjgriebel - 22. Februar 2010

Die Mehrzahl der Diskussionen über den Einsatz von Computern im Unterricht krankt nach wie vor in aller Regel daran, dass pädagogische Fragen gegenüber den technischen im Hintergrund stehen. Bei einer Mehrzahl der Initiativen und Projekte steht im Vordergrund, bestimmte Technologien hinsichtlich ihrer Unterrichtswirksamkeit auszuloten. Bei den begleitenden Presseberichten stehen die Hoffnungen und Erwartungen verbunden mit dem Einsatz dieser oder jener Technologie im Mittelpunkt. Die Verengung der Berichterstattung auf die Chancen erweckt bei einer breiten Öffentlichkeit den Eindruck als sei der Einsatz von Technologie im Unterricht per se gut und richtig. Von den Problemen und Schwierigkeiten erfährt der Bildungslaie nur im Nachhinein in ebenso plakativen Negativmeldungen.

Beides zusammen führt nicht zu einer Versachlichung der Diskussion, sondern zu einer zunehmenden Polarisierung, da beide Fraktionen, die Befürworter wie die Gegner, eine wachsende Anzahl von Belegstellen für ihre jeweilige Argumentation nutzen können. Dies wiederum hat zur Folge, dass beide Seiten sich zunehmend weniger verstehen, und sich die Fronten damit immer weiter verhärten. Auf der Strecke bleibt die Integration elektronischer Medien im Unterricht.

Kann man dies ändern? – Ich denke ja, man kann. Der wichtigste Schritt ist die verbale Abrüstung auf beiden Seiten: die Befürworter verzichten auf Heilsversprechen, die Gegner auf radikale Verdammnis. Die weniger drastische Sprache ermöglicht es beiden Seiten einander zuzuhören und die prinzipiell guten Absichten seines Gegenübers anzunehmen. Dieser Vertrauensvorschuss ermöglicht einen Neubeginn der Diskussion, nun auf rationaler und nicht mehr länger auf emotionaler Ebene. Dabei wird sich herausstellen, dass die beschworene Zukunft wohl zwar schlechter als behauptet aber doch besser als befürchtet werden wird. Auf dieser Einsicht aufbauend lassen sich Entwicklungen anstoßen, die so heute aufgrund der Erstarrung der beiden Lager nicht vorstellbar sind.

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Ist Idealismus in der Schule überhaupt noch sinnvoll?

Posted by sjgriebel - 24. Oktober 2009

In meinen Blogs Hab Mut, Profi zu sein (17.09.09) und Warum sich Lehrer zuvorderst selbst aus den Sumpf ziehen sollten (03.10.09) habe ich beschrieben, dass sich Lehrer professionalisieren müssen, um ernst genommen zu werden, und dass der Anstoß dazu in erster Linie von ihnen selbst kommen muss. Mit Kollegen aus Großbritannien und Schweden habe ich vor einigen Tagen genau zu dieser Frage gesprochen. Als gemeinsamen Nenner haben beide erklärt, dass die zunehmende Professionalisierung in ihren Ländern hauptsächlich von den jung einsteigenden Lehrern getrieben wird. Für diese stellt sich die Frage nach der Berufswahl anders, als sie sich für die, sagen wir mal im letzten Dienstdrittel stehenden Lehrer seinerzeit gestellt hat. Es geht weniger um die Berufung zum Lehramt, es geht um eine nüchterne Aufwand-Nutzen-Risiko-Rechnung.

Die heute Junglehrergeneration ist von ganz anderen Erfahrungen geprägt als es die Generationen vor ihnen waren. Prägend hinsichtlich der Arbeitswelt scheint unter anderem zu sein, dass Unternehmen heute weniger loyal zu ihren Mitarbeitern stehen, in Guten wie in schlechten Zeiten, so wie sie es in früheren Zeiten anscheinend getan haben. Mit anderen Worten: egal wie persönlich engagiert ich mich einbringe, ob ich je krank war oder nicht, das alles zählt wenig, wenn die Entlassungswelle durch’s Unternehmen läuft. Warum sollte ich also mehr Idealismus zeigen als nötig? Wenn der Shareholder seinen regelmäßigen Profit einfordert, dann bekommt er ihn, aber auch nicht einen Deut mehr. In einer simplen Aufwand-Nutzen-Risiko-Analyse kommt der Lehrerberuf nicht schlecht weg. Nach gängiger Meinung hat man als Lehrer nach einer gewissen Einarbeitungszeit im Großen und Ganzen einen erträglichen Job auch dank ausreichend viel Ferien und akzeptabler Bezahlung. Warum also nicht Lehrer werden?

Oder gehört zum Lehrerberuf doch ein gehöriges Maß an Idealismus? So sehr ich mich über jeden Lehrer und jede Lehrerin freue, die ihre Aufgabe als Berufung begreifen und nicht lediglich als Job, so wenig halte ich diesen Idealismus für zwingend erforderlich. Für mich ist es in erster Linie wichtig, dass unsere Lehrkräfte Freude an ihrer Arbeit haben, gleich aus welchen Motiven heraus. Nur wenn sie selbst Freude empfinden, kann guter Unterricht gelingen. Guter Unterricht in diesem Sinne ist einer, den unsere Kinder gerne besuchen und von dem sie etwas mitnehmen, fachlich und menschlich.

Im System Schule wird Idealismus zukünftig übrigens zunehmend weniger honoriert. Die bundesweite Einführung von Vergleichsarbeiten und Zentralabitur hat zur Folge, dass es in wachsendem Maße darauf ankommt, was hinten herauskommt; sprich: wie die anvertrauten Schüler, man selbst, seine Schule, sein Bundesland gegen einen von außen gesetzten Vergleichsmaßstab abschneiden. Der Output gewinnt also gegenüber dem Input an Bedeutung. Vorausgesetzt man findet Konsens hinsichtlich des gewünschten Outputs, muss ein solcher Ansatz gar nicht falsch sein. Stellt nicht genau dieser Output die Grundlage für das gesamte weitere Leben des jungen Menschen dar und wer will schon für eine mangelhafte Grudnlage eintreten?

In einem solchen Output-orientierten System wird Erfolg als Grad der Zielerfüllung verstanden und gemessen. Vermutlich liegt man richtig mit der Annahme, dass in einem solchen System der professionelle gegenüber dem berufenen Lehrer größere Erfolgsaussichten hat, da er seine Energie nicht auf das Hinterfragen der Motive hinter den Zielvorgaben aufwendet, sondern einfach liefert, was von ihm verlangt wird. Mit dem Wegfall der Mitsprache entfällt jedoch ein Korrektiv auf die weitere Entwicklung von Bildung. Entscheidungen über Bildung werden zunehmend von außerhalb der Schulen getroffen und von den Schulen lediglich exekutiert. Die Schule wir also verstärkt fremdbestimmt, was so nicht gewollt sein kann.

Fazit: Ein motivierter, professionell abgeklärter Lehrer ist für Schule ebenso wertvoll wie ein motivierter, idealistischer Lehrer. Beide haben ihre Bedeutung und ihren Stellenwert in dem und für das im System Schule. Eine einseitige Ausrichtung auf einen Typus und Bevorzugung desselben hätte fatale Folgen und muss daher vermieden werden. Ziel muss sein, ein Gleichgewicht zwischen den beiden genannten Lehrertypen herzustellen.

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Ein Orientierungsprinzip für einen allgemeinbildenden Mathematikunterricht

Posted by sjgriebel - 12. Oktober 2009

Das Allgemeinbildungskonzept von Roland Fischer (O.Prof. an der Uni Klagenfurt) beinhaltet als zentrales Element die Kommunikationsfähigkeit eines Menschen mit Experten und der Allgemeinheit. Während in der Expertenausbildung eher das operative Wissen und Können im Vordergrund stehen, spielen in der Allgemeinbildung das Grund- und Reflexionswissen die wichtigsten Elemente dar. Einen Menschen mit guter Allgemeinbildung zeichnet demnach aus, dass er mit Experten verschiedenster Fachgebiete verständig kommunizieren und damit deren Aussagen sachgerecht beurteilen kann. Außerdem kann er sich selbst einer Allgemeinheit verständlich mitteilen. Mathematisches Modellieren und Interpretieren zusammen mit mathematischem Kommunizieren haben damit Vorrang vor dem Berechnen irgendwelcher Größen.

Eine mangelnde mathematische Allgemeinbildung zeigt sich dann z.B. folgendermaßen:

  • übertriebene Präzision: Prozentangaben werden grundsätzlich mit zwei Nachkommastellen angegeben, obwohl ganzzahlige Prozentwerte schon mehr als ausreichend wären.
  • Fehleinschätzung von Verhältnissen: Absolut gleiche Abweichungen stechen bei kleinen Mengen verhältnismäßig stärker heraus als bei großen Mengen, doch sind diese kleinen Mengen und damit Abweichungen davon selbst mitunter bedeutungslos, wenn die große Menge nur hinreichend groß genug ist. Große Prozentwerte finden mehr Beachtung gleich wie groß die Grundgesamtheit ist. Ausreißer verdecken den Blick auf das große Ganze.
  • Lügen mit Statistik: Die zahlreichen Beispiele sind hinlänglich bekannt, dabei geht es noch nicht einmal um die schwierigen Fälle in denen Wahrscheinlichkeiten oder relative Häufigkeiten gekoppelt werden. Bereits das richtige Lesen eines Graphen ist häufig schon eine nicht mehr zu meisternde Schwierigkeit.
  • … (ergänzen Sie hier Ihre eigenen Beobachtungen) …

Nun werden jedoch alle Wissenschaften zunehmend mathematischer, in dem die verwendeten Begriffe schärfer definiert und Ursache-Wirkung- Zusammenhänge genauer verstanden werden. Die Kommunikation mit und von diesen Experten muss demnach verstärkt eine mathematische Allgemeinbildung integrieren. Für den Mathematikunterricht unserer Schulen bedeutet dies, die oben genannten allgemeinbildenden Komponenten in den Vordergrund zu stellen und die operativen Anteile auf ein Minimum zu reduzieren.

Wie kann dies gelingen? Man wird nicht umhin kommen, einen Paradigmenwechsel an den Schulen herbeizuführen:

  • Reduktion der konkreten Inhalte auf einen wesentlichen Kern
  • Stärkung des exemplarischen Lernens
  • Konsequente Nutzung von Medien um operatives Handeln verringern zu können

Ich verbinde mit diesem Paradigmenwechsel die Hoffnung, zu einem Mathematikunterricht zu gelangen, der eine wahrhaft mathematische Allgemeinbildung im Fischerschen Sinne erlaubt; einem Unterricht also, der Menschen befähigt, mit Experten und Laien gleichermaßen über Fragestellungen in einem mathematisierten Kontext sachgerecht zu kommunizieren.

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