Stephan Griebel

Einsichten, Aussichten und anderes

Posts Tagged ‘Veränderung’

Ein Orientierungsprinzip für einen allgemeinbildenden Mathematikunterricht

Posted by sjgriebel - 12. Oktober 2009

Das Allgemeinbildungskonzept von Roland Fischer (O.Prof. an der Uni Klagenfurt) beinhaltet als zentrales Element die Kommunikationsfähigkeit eines Menschen mit Experten und der Allgemeinheit. Während in der Expertenausbildung eher das operative Wissen und Können im Vordergrund stehen, spielen in der Allgemeinbildung das Grund- und Reflexionswissen die wichtigsten Elemente dar. Einen Menschen mit guter Allgemeinbildung zeichnet demnach aus, dass er mit Experten verschiedenster Fachgebiete verständig kommunizieren und damit deren Aussagen sachgerecht beurteilen kann. Außerdem kann er sich selbst einer Allgemeinheit verständlich mitteilen. Mathematisches Modellieren und Interpretieren zusammen mit mathematischem Kommunizieren haben damit Vorrang vor dem Berechnen irgendwelcher Größen.

Eine mangelnde mathematische Allgemeinbildung zeigt sich dann z.B. folgendermaßen:

  • übertriebene Präzision: Prozentangaben werden grundsätzlich mit zwei Nachkommastellen angegeben, obwohl ganzzahlige Prozentwerte schon mehr als ausreichend wären.
  • Fehleinschätzung von Verhältnissen: Absolut gleiche Abweichungen stechen bei kleinen Mengen verhältnismäßig stärker heraus als bei großen Mengen, doch sind diese kleinen Mengen und damit Abweichungen davon selbst mitunter bedeutungslos, wenn die große Menge nur hinreichend groß genug ist. Große Prozentwerte finden mehr Beachtung gleich wie groß die Grundgesamtheit ist. Ausreißer verdecken den Blick auf das große Ganze.
  • Lügen mit Statistik: Die zahlreichen Beispiele sind hinlänglich bekannt, dabei geht es noch nicht einmal um die schwierigen Fälle in denen Wahrscheinlichkeiten oder relative Häufigkeiten gekoppelt werden. Bereits das richtige Lesen eines Graphen ist häufig schon eine nicht mehr zu meisternde Schwierigkeit.
  • … (ergänzen Sie hier Ihre eigenen Beobachtungen) …

Nun werden jedoch alle Wissenschaften zunehmend mathematischer, in dem die verwendeten Begriffe schärfer definiert und Ursache-Wirkung- Zusammenhänge genauer verstanden werden. Die Kommunikation mit und von diesen Experten muss demnach verstärkt eine mathematische Allgemeinbildung integrieren. Für den Mathematikunterricht unserer Schulen bedeutet dies, die oben genannten allgemeinbildenden Komponenten in den Vordergrund zu stellen und die operativen Anteile auf ein Minimum zu reduzieren.

Wie kann dies gelingen? Man wird nicht umhin kommen, einen Paradigmenwechsel an den Schulen herbeizuführen:

  • Reduktion der konkreten Inhalte auf einen wesentlichen Kern
  • Stärkung des exemplarischen Lernens
  • Konsequente Nutzung von Medien um operatives Handeln verringern zu können

Ich verbinde mit diesem Paradigmenwechsel die Hoffnung, zu einem Mathematikunterricht zu gelangen, der eine wahrhaft mathematische Allgemeinbildung im Fischerschen Sinne erlaubt; einem Unterricht also, der Menschen befähigt, mit Experten und Laien gleichermaßen über Fragestellungen in einem mathematisierten Kontext sachgerecht zu kommunizieren.

Posted in Bildung, Mathematik, Meinung | Verschlagwortet mit: , , , , , | Leave a Comment »

Warum Lehrer sich zuvorderst selbst aus dem Sumpf ziehen sollten

Posted by sjgriebel - 3. Oktober 2009

Der einzige Mensch, dessen Verhalten ich kontrollieren kann, bin ich selbst. Andere Menschen kann ich beeinflussen, kontrollieren kann ich sie nicht. Wenn ich also eine veränderte Schule möchte und davon überzeugt bin, dass es notwendig ist jeden Tag ein bisschen besser zu werden  dann muss ich bei mir selbst anfangen.

Viele Regularien im System Schule sind dem Anschein nach entwickelt worden, um schwarze Schafe daran zu hindern, weiter Unsinn zu treiben. Je mehr man jedoch von außen reguliert, desto weniger funktionieren die immanenten  korrigierenden Kräfte, schlicht weil sie nicht ständig trainiert werden. Wo man an anderer Stelle das klärende Gespräch gesucht hätte, schiebt man nun irgendeine Bestimmung vor oder ruft nach einer solchen. Nur um nachher zu beklagen, die Geistern, die man selbst rief, nicht mehr loszuwerden.

Wenn man aber an seiner persönlichen Verbesserung arbeitet, dann reflektiert man sein eigenes Tun und hält mit sich selbst Zwiesprache. Möchte man, dass sich jeder seiner Kollegen ebenso verbessert, dann wird man die Zwiesprache auf die Kollegen ausdehnen und damit Einfluss auf ihr Verhalten nehmen.

Veränderung beginnt für mich daher in erster Linie bei mir selbst. Dies ist der Bereich, den ich kontrolliere. Die Entscheidung, etwas zu tun oder nicht zu tun, liegt einzig bei. Wenn ich nicht länger fremdbestimmt leben möchte, dann darf ich nicht länger die äußeren Umstände für mein Schicksal verantwortlich machen, sondern muss mich der Verantwortung vor mir selbst stellen. Damit dehne ich nach und nach den von mir selbst bestimmten Bereich aus.

Danach oder auch parallel dazu, aber eben nicht ausschließlich, wirke ich dann auf mein Umfeld ein. Ich versuche eine gemeinsame Vision zu entwickeln und anderen Mut zu machen, nicht länger resigniert den Kopf in den Sand zu stecken, sondern Veränderung aktiv herbeizuführen. Damit ergibt sich ein Art Domino-Effekt und meine Einflusssphäre vergrößert sich.

Damit lässt sich mein Wunsch an unsere Lehrkräfte wie folgt zusammenfassen:

  • auf seine eigenen Stärken vertrauend an seiner eigenen Veränderung arbeiten
  • darauf aufbauend auf sein Umfeld einwirken damit der Wunsch nach Veränderung weite Kreise zieht.

Literatur: Stephen R. Covey: The 7 Habits of Highly Effective People: Powerful Lessons in Personal Change

Posted in Meinung | Verschlagwortet mit: , , , , , | Leave a Comment »

Hab den Mut, Profi zu sein!

Posted by sjgriebel - 17. September 2009

Bedingt durch meinen Werdegang kenne ich Schulen aus vielerlei Sichtweisen: von innen als Schüler und Referendar, von außen als Vater und täglich berufsbedingt. Klarerweise sind auch viele meiner Freunde Lehrer, so dass ich dem Thema Schule im allgemeinen und Lehrer im besonderen nicht entfliehen kann. Und, am Rande bemerkt, ja auch gar nicht will.

In all den Jahren ist mir ein Punkt besonders aufgefallen, den ich bei anderen Berufsgruppen in dieser Ausprägung nicht beobachten kann. Es ist die Scheu, professionell zu sein. Professionell in folgendem Sinne: es würde doch kaum jemanden einfallen, einem Handwerker in seine Arbeit reinzureden, oder einem Ingenieur oder Polizisten oder sonst wem. Diesen Berufsgruppen wird ihre Professionalität einfach unterstellt, und sollte doch jemand einmal Zweifel hegen, wird ihm das Gegenteil klar auseinandergesetzt.

Bei Lehrern scheint dies aber etwas anderes zu sein. Denn schliesslich war ja jeder mal in der Schule und kennt sich daher bestens aus. Und kann daher auch wunderbar mitreden, was die Schule, ergo Lehrer, neben der Stoffvermittlung nicht noch alles leisten sollen, was nicht alles falsch läuft und was zu tun wäre. Zum Wohle der Kinder, der Gesellschaft und der Menschheit überhaupt. In drastischeren Worten: Laien erdreisten sich, viele Dinge besser zu wissen, als diejenigen, die diesen Beruf in vielen Jahren Ausbildung gelernt haben und sich täglich in ihrem Geschäft bewähren.

Und was machen Lehrer typischerweise? – Sie lassen es sich gefallen.  Sie sind es gewohnt, dass alle Welt an ihnen zerrt. Durch ihre tägliche Arbeit geprägt, hören sie ihrem Gegenüber geduldig zu, bemühen sich allzeit um Verständnis und strengen sich redlich an, dem anderen auf dem Wege der Entfaltung seiner Persönlichkeit hilfreich zur Seite zu stehen. Damit lassen sie es sehenden Auges zu, dass ihnen andere frech und ungerührt die Butter vom Brot nehmen und bezahlen ihren Dauerfrust mit Burnout und vorzeitiger Pensionierung.

Meine Empfehlung ist es, sich dies nicht länger gefallen zu lassen, sondern sich endlich wie ein Profi zu benehmen. Dazu gehören für mich viele, insbesondere die folgenden Aspekte:

  • sich aus eigenem Antrieb weiterbilden, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben – fachlich, psychologisch und pädagogisch
  • neuen Lehr- und Lernmethoden offen gegenüberstehen und täglich an einem kleinen Stück Verbesserung arbeiten
  • sich stärker in Fachverbänden zu organisieren und engagieren, und weniger in Standesvertretungen
  • Einwürfen von außen fundiert in angemessener Fachsprache entgegentreten

Ich kenne viele Lehrer, die diese Punkte nicht nur umsetzen, sondern deutlich übertreffen. Doch leider habe ich den Eindruck, dass es noch weit mehr gibt, die die Kraft es anzupacken nicht oder nicht mehr aufbringen. Gründe hierfür lassen viele aufzählen und auch was dem alles entgegensteht. Dies weiss ich alles und dazu wurde an anderer Stelle bereits viel gesagt und geschrieben. Bleibt der Fakt, dass es schlicht zu wenig geschieht.

Viele müssen ihren Teil zum Gelingen beitragen, doch der Impuls und Wunsch nach Änderung muß von innen, muß von den Lehrern kommen. Und daher richte ich meinen Appell an jeden einzelnen: Hab den Mut, Profi zu sein.

Posted in Bildung, Meinung | Verschlagwortet mit: , , , , , , , | 2 Comments »